Die Epstein-Saga

Die Epstein-Saga

In Zeiten wie diesen ist es unmöglich, nicht über die Epstein-Saga zu schreiben. Sie verdichtet so vieles von dem, was Amerika und den Westen ausmacht. Ihre drei Kreise – des Geldes, der Eliten und sexueller Ausbeutung – sind so stark miteinander verschränkt, dass ihre Schnittmengen mehr über die Mechanismen von Macht in unseren neoliberalen Gesellschaften verraten, als wir je wissen wollten. In unseren kultivierten Illusionen über Konsens, Rechtsstaatlichkeit und Stabilität in Nachkriegsdemokratien konnten wir uns einfach nicht vorstellen, dass eine Spaltung, Illegalität und Zerstörungskraft wie im Trumpismus in diese vermeintlich friedliche Sphäre eindringen würden. Ebenso wenig ahnten wir, dass unsere Eliten einen Grad moralischer Verkommenheit erreicht hatten, den wir in unserer Naivität eher den Römern in längst vergangener Zeiten zugeschrieben hätten.

Wer die „Epstein-Bibliothek“ betreten will, gehe auf www.justice.gov/epstein. Dort finden sich 5.300 Akten mit rund drei Millionen Seiten sowie 38.000 Verweise auf „Donald Trump“, „Melania“ und „Mar-a-Lago“. Viele der Fotografien sind geschwärzt, um die Opfer von Epsteins krimineller Vermittlung minderjähriger Mädchen an seine mächtigen Freunde zu schützen. Wie einige der missbrauchten Frauen erklärt haben, hat diese Schwärzung in ihrem Fall nicht funktioniert, während die Namen zahlreicher männlicher Epstein-Klienten unleserlich bleiben. Und bis heute verweigert die Trump-Administration die Freigabe der verbleibenden 2,5 Millionen Seiten dieser ekelhaften Bibliothek.

Beim Durchscrollen der zwölf Datensätze kann man Orte wie Epsteins private Karibikinsel Little St. James besuchen – auch “Insel der Pädophilen” gennant – wo der Großteil des sexuellen Missbrauchs stattfand, bevor Jeffrey Epstein 2008 von einem Gericht in Florida zu einer verdächtig milden Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt wurde. Oder man betritt sein Stadthaus in Manhattan, wo der Mädchhändler und Netzwerker der Mächtigen Fotografien auf dem Kaminsims versammelt hatte, die ihn mit arabischen Führern und dem Papst zeigen. Und wo – wie aus den freigegebenen Kurznachrichten hervorgeht – Mitglieder des Jetsets vorbeischauten, um finanzielle Beratung, seelischen Zuspruch oder schlicht „Spaß“ zu suchen, was immer das heißen mochte. In den Worten der Financial Times: „Epsteins E-Mails lesen sich wie eine Selbsthilfegruppe für die 0,01 Prozent.“

Selbst nach seiner ersten Verurteilung wegen Anbahnung zur Prostitution Minderjähriger blieb Epsteins Netzwerk weit gespannt: vom rechtsextremen MAGA-Promoter Steve Bannon (1.859 Erwähnungen) bis zum Links-Intellektuellen Noam Chomsky (3.801 Erwähnungen). Vom US-Präsidenten abwärts umfasste es Wall-Street-Finanziers, Silicon-Valley-Unternehmer, Kanzleichefs, britische und norwegische Royals, Filmregisseure, Politiker aller Couleur und Prominente jeder Art.

Es ist eine illustre Liste: Bill Gates, Elon Musk, Peter Thiel, Andrew Mountbatten-Windsor, Sarah Ferguson, Richard Branson, Lord Mandelson, Ehud Barak – und so weiter; hinzu kommen rund 30 Mitglieder der Trump-Administration oder Personen aus seinem engeren Umfeld. Ein Beobachter beschreibt Epsteins Netzwerk als „MRT des Establishments“. Nur wenige der in den Epstein-Akten auftauchenden Personen dürften schwere Straftaten begangen haben, manche werden Gesetze übertreten haben, die meisten jedoch haben nur aber bewusst ignoriert, wofür Epstein im Gefängnis saß. Sie haben seine Verbrechen nicht einmal gegoogelt.

Viele von ihnen verstanden Epsteins Freundschaft und Geld als Lizenz, rechtliche Regeln und moralische Hemmungen zu überschreiten. Wie Pratap Bhanu Mehta im Indian Express schreibt, diente die Insel Little St. James als Ort der Verheißung und Flucht aus allen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Hier ließen sich das „Offshoring“ moralischer Prinzipien und finanzieller Vergehen miteinander verbinden.

Die parallelen Auftritte von Donald Trump und Jeffrey Epstein auf der gesellschaftlichen Bühne des Amerikas der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren – mit ihrer selbstvermarktenden wie kriminellen Energie und ihrer gemeinsamen Vorliebe für „Mädchen jüngeren Alters“ – waren emblematisch für den entgrenzten Neoliberalismus und seine kulturelles Umfeld vor der Finanzkrise von 2008.

Beide Männer verfügten über ein geniales Gespür für die Bedürfnisse und Ängste ihres jeweiligen Publikums. Jeffrey Epstein verstand die geheimen Wünsche und persönlichen Unsicherheiten seiner reichen Klienten – sei es als großzügiger Kreditgeber bei Liquiditätsproblemen oder als Sorgenonkel für ihre kindlichen Sehnsüchte. Später zeigte Donald Trump ein ähnliches Genie darin, den Zorn und die Ängste der amerikanischen unteren Mittelschicht auszubeuten, die sich über arrogantes Elitenverhalten empörte und während sie für den kollabierten Wirtschaftszyklus zahlen musste.

Beide handelten mit den Träumen und Unsicherheiten ihres Klientels und wussten genau, wann und wie sich Abhängigkeiten in Drohungen verwandeln ließen. Es gibt etliche E-Mails von Jeffrey Epstein, in denen er mühelos vom hilfsbereiten Tonfall zu versteckten Drohungen übergeht. Im Fall Donald Trump sind seine Racheakte gegen frühere Verbündete legendär.

Und die Art und Weise, wie der US-Präsident bislang unbeschadet durch die Epstein-Saga gekommen ist, zeigt, wie es ihm weiterhin gelingt, Bedrohungen für sich selbst in Gefahren für andere zu verwandeln. Manche mögen in diesem amoralischen oder kriminellen unternehmerischen Verhalten ein Geschäftsmodell des Spätkapitalismus erkennen. Selbst die Times in London nennt die Epstein-Saga „eine Fabel des modernen Kapitalismus“.

Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn ihre Elite in aller Welt als abscheulich und käuflich, korrupt und kriminell bloßgestellt wird, als unreif, lächerlich und kindisch - und die dabei straffrei davon kommt, während andere leiden? Wenn Frauenkörper von den Männern eines gewissenlosen Establishments in Tat und Sprache zur Ware gemacht werden. Die Epstein-Saga liefert genau das, was das Bürgertum und die politische Klasse nie wissen wollten, was die unteren Klassen, römische Historiker, Oswald Spengler und Wladimir Putin immer schon zu wissen glaubten – und wovon Verschwörungstheoretiker nur träumen konnten. Nein, es war nicht Hillary Clinton, die – wie die QAnon-Verschwörung 2016 behauptete – einen pädophilen Ring aus dem Keller einer Pizzeria in Washington, D.C., betrieb. Es war ein enger Freund von Clintons Erzfeind Donald Trump, der auf Little St. James Island minderjährige Mädchen für sich sowie einige reiche Kunden anwarb und vergewaltigen ließ – und dieses Mal ist die Geschichte wahr.

Das Erste, was eine solche Gesellschaft und ihre Medien tun, ist, aus dem Bekannten eine größere Verschwörung zu konstruieren. Das überrascht nicht. Wäre man Drehbuchautor eines James-Bond-Films, würde sich die Handlung um einen charmanten Pädophilen drehen, der Mitglieder der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Elite in sein Netz einfängt, indem er ihnen Geld, wirtschaftliche Beratung und „russische Mädchen für Kompromat“ liefert – für kompromitierendes Material im Dienst des Feindes.

Ein solches Szenario würde wunderbar erklären, woher Epsteins beträchtlicher Reichtum stammte und warum Trump so nachsichtig mit Russland umging: weil das Geld aus Moskau kam und Putin belastendes Material über Trump besitzt. Seriöse Stimmen wie Polens Premier Donald Tusk oder der britische Journalist Andrew Marr haben eine solche „Hintergrundgeschichte“ ernsthaft ins Spiel gebracht – und angesichts dessen, was sich als wahr erwiesen hat, klingt sie nicht völlig abwegig. Belegt ist sie nach heutigem Kenntnisstand allerdings keineswegs. Und es wäre nicht das erste Mal, dass der Westen die Ursachen seiner eigenen Probleme nach Russland auslagert.

So gehen der Zusammenbruch der moralischen Ordnung und neue Verschwörungstheorien Hand in Hand. Und es wird interessant sein zu beobachten, was die unterschiedlichen politischen Lager in Amerika und Europa daraus machen. Wird MAGA auf der Veröffentlichung aller Akten und einer möglichen „Kundenliste“ bestehen, wie es einige Aktivisten der rechten Bewegung fordern? Werden die Republikaner – wie Steve Bannon kürzlich warnte – wegen Trumps umstrittenem Umgang mit den Epstein-Akten bei den Kongresswahlen im Herbst zehn Prozent an Stimmen verlieren? Oder wird die politische Öffentlichkeit, wie der Präsident vorschlägt, einfach „weiterziehen“ und den Epstein-Skandal hinter sich lassen?

Wird Europas antiamerikanische Linke es goutieren, dass die Vereinigten Staaten zu einem Zeitpunkt ihren moralischen Bankrott erklären, an dem sie für Europa in der Ukraine dringend gebraucht werden? Und wie wird die deutsche AfD den traditionellen Antiamerikanismus ihrer Anhänger – frisch genährt durch den Epstein-Skandal – mit ihrer politischen Nähe zur Trump-Administration austarieren?

Fest steht: Millionen Menschen weltweit werden nun glauben, dass viele der Mächtigen in den USA ihrem Wesen nach böse sind. Und 250 Jahre nach ihrer Gründung werden Millionen Amerikaner von rechts bis links glauben, dass ihre gefeierte Demokratie bis ins Mark verfault ist – mit einer Zwei-Klassen-Justiz und einer Elite, die sich an kein Gesetz und keine Moralvorstellung gebunden fühlt.

Die meisten politischen Krisen in der Geschichte der amerikanischen Demokratie wurden von einem Akt politischer Aufarbeitung begleitet – sei es durch den kritischen Bericht einer öffentlichen Kommission oder durch nationale Selbstreflexion. Doch solange Donald Trump an der Macht ist und den Deckel auf den Epstein-Akten hält, bleibt dieser Weg versperrt. Es wird die undankbare Aufgabe der nächsten US-Administration sein, der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft eine solche Elite hervorbringen konnte – und wie nach dem zügellosen Zeitalter von Donald Trump und Jeffrey Epstein eine Kultur der Scham wiederherzustellen ist.

Welche langfristigen Folgen die Epstein-Saga für den ohnehin brüchigen Zustand der amerikanischen Demokratie haben wird, bleibt abzuwarten. Vorerst treibt sie auf einen Autoritarismus zu – mit einer Elite, die kaum noch über Autorität verfügt. 

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