Die Torheit des Iran-Kriegs & der China Schock 2.0 - Wie Xi Jinping an allen Fronten gewinnt.
Müsste die verstorbene Historikerin Barbara Tuchman ihrem bahnbrechenden Werk „Der Marsch der Torheit“ (The March of Folly) heute ein neues Kapitel hinzufügen, würde dies sicherlich von Donald Trumps Krieg gegen den Iran handeln, einem sinnlosen militärischen Abenteuer, das seine Präsidentschaft prägen oder sogar beenden wird. Derweil bleibt verantwortungsvolle Staatskunst und Geopolitik Beijing überlassen. Soft Power ist nun „made in China“. Dies alles geschieht während die Vereinigten Staaten, Europa und Asien dem „China-Schock 2.0“ ausgesetzt sind, auf den noch keine westliche Regierung eine Antwort gefunden hat. Amerikas Hybris entfaltet sich also zu einer Zeit, in der unsere Märkte von billigen, diesmal jedoch hochwertigen chinesischen Industriegütern überschwemmt werden. Angesichts von Trumps Torheit und der Ohnmacht der EU gewinnt China an allen Fronten.
In „The March of Folly“ (1984) beschreibt Barbara Tuchman anhand von vier Fallstudien – von Troja bis Vietnam – einige der Eigenschaften von Herrschern, die zu historischen Niederlagen und Katastrophen führten. Dazu gehören Arroganz, ein aufgeblasenes Ego und moralische Blindheit, die diese Führer dazu veranlassten, Ratschläge zu ignorieren und kurzfristige Gewinne den langfristigen Folgen vorzuziehen – all dies vollzog sich im group think ihrer jeweiligen Sykophanten. Diese historische Analyse typischen Herrschaftsgebarens fasst Donald Trumps Irrweg an den Golf, nach Teheran und zur Straße von Hormus ziemlich gut zusammen.
Hier ist jemand, dessen Sicht auf den Iran eng mit den Ereignissen von 1979 und den wilden 80er Jahren verbunden ist, als er als Frauenheld (bzw. -Verächter) und Immobilienhai in New York „The Art of the Deal“ praktizierte. Trump ist weder ein Geschichtsliebhaber noch ein Ideologe. Doch zwei Überzeugungen ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Karriere: seine Vorliebe für Zölle und sein Hass auf den Iran der Mullahs.
In ihrem ausgezeichneten Artikel „1979 is the year that explains Donald Trump“ in The Atlantic beleuchten Jonathan Lemire und Isabel Ruehl seine Äußerungen zum Iran von den 80er Jahren bis heute. Und siehe da, alles ist bereits in seinen Kommentaren zu Präsident Carters Geiselkrise von 1979/80 und über die späteren Konflikte am Golf enthalten: die Kritik an Amerikas Verbündeten, sie würden nicht genug tun; die Forderung, gegenüber dem Iran „hart“ zu sein; der Refrain „sich das Öl anzueignen”; schließlich der Vorschlag, den Ölumschlagplatz von Kharg Island doch einfach einzunehmen. Trumps politische Sozialisation in den 80er Jahren mag daher sein derzeitiges Schwanken zwischen dem Bombardieren des Iran zurück in die Steinzeit und dem Versuch, „The Art of the Deal“ anzuwenden, erklären. Jahrzehnte später ist der Iran-Krieg nur der jüngste Akt in Donald Trumps rücksichtsloser Demolierung der internationalen Ordnung, die die Weltwirtschaft mit sich reißt. Und China bei seinem Aufstieg hilft.
Auf den ersten Blick ist es bemerkenswert, wie zurückhaltend die chinesische Regierung auf Amerikas militärisches Abenteuer in einer Schifffahrtsstraße reagiert hat, durch die fast die Hälfte ihrer Rohölimporte fließt. Selbst als US-Kriegsschiffe Tanker in Richtung China blockierten, handelte Beijing mit äußerster Zurückhaltung. Man stelle sich nur das gegenteilige Szenario vor!
Es ist auch bemerkenswert, wie die parteiübergreifende amerikanische Sichtweise, dass der geopolitische und wirtschaftliche Wettbewerb mit China das dringlichste Thema für die US-Außenpolitik sei, wie sich dieser Konsens, gegenüber China Härte zeigen zu müssen, aufgelöst hat. Unter Trump II scheint er der Hoffnung auf ein vages Abkommen beim bevorstehenden Gipfeltreffen mit Xi Jinping im Mai gewichen zu sein. Selbst die Demokraten im Kongress kritisieren Trump kaum für seinen sehr gemäßigten Umgang mit dem großen Rivalen China. Was ist hier geschehen?
Nun, China hat seine Lehren aus der ersten Amtszeit Trumps und den Jahren unter Präsident Biden gezogen, seine Widerstandsfähigkeit gegenüber externen wirtschaftlichen Schocks verbessert und Amerika dessen eigene Abhängigkeiten in Bezug auf Handel, Technologie und seltene Rohstoffe vor Augen geführt. Chinas interne Probleme mögen sich seit 2016 verschärft haben, doch seine Abhängigkeit von Energieimporten und seine Anfälligkeit für Krisen in der Golfregion wurden durch den Umstieg auf erneuerbare Energien und den Aufbau von Reserven verringert.
Beijing hat zudem erkannt, dass seine aggressive „wolf-warrior“-Diplomatie gegenüber der Biden-Administration der falsche Weg ist, um mit der Unberechenbarkeit seines Nachfolgers umzugehen. Die neue Strategie besteht einfach darin, den Gegner nicht zu stören, während er einen Fehler nach dem anderen begeht. Hätte Xi Jinping einen freien Wunsch in Bezug auf die US-Innenpolitik, wäre es wohl ein „Trump III“.
So hat der US-Präsident China ermöglicht, als verantwortungsbewusste Macht aufzutreten, was sich bereits in Meinungsumfragen auf der ganzen Welt niederschlägt. Während Trumps Amerika seine Zukunft ganz auf fossile Brennstoffe setzt, hat China den globalen Markt für Batterien erobert. Während Trump den Kongress um eine 40-prozentige Erhöhung der Militärausgaben bittet und „die Vereinigten Staaten in ein modernes Sparta verwandeln will”, wie Howard French in Foreign Policy schreibt, „übertrumpft China die Vereinigten Staaten zunehmend in einer wachsenden Zahl von Zukunftsbranchen, von Elektrofahrzeugen über Batterien bis hin zu erneuerbaren Energien“. Und Europa noch viel mehr, muss man hinzufügen. Der Iran-Krieg und seine Folgen verdeutlichen nur, wie sehr China in den letzten Jahren an beidem gearbeitet hat – an seiner Hard und seiner Soft Power.
In einer Artikelserie über „The China Shock 2.0“ beschreibt die Financial Times das beängstigende wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen China und dem Rest der Welt. Nach einem Rekordhandelsüberschuss von rund 1 Billion Dollar im letzten Jahr sind die chinesischen Exporte in die USA, nach Europa und Asien im ersten Quartal 2026 um weitere 15 % gestiegen. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass Beijing seine extreme Exportstrategie ändern wird: keine geplante Reduzierung staatlicher Unterstützung für Schlüsselindustrien; keine Absicht, die Währung abzuwerten (die laut IWF derzeit um 16 % unterbewertet ist); keine Neuausrichtung der Industriepolitik, die Chinas Lokalregierungen in einen harten Wettbewerb um die Ansiedlung neuer Industrien zwängt. Und unter Xi Jinping wird es definitiv keine Verlagerung von Exporten hin zum Binnenkonsum geben.
Die extreme Wettbewerbsfähigkeit Chinas im Inland mag zwar erhebliche innenpolitische Probleme verursachen, doch dies hilft den westlichen Volkswirtschaften nicht, solange China die oben erwähnten strategischen Eckpunkte seiner allgemeinen Exportstrategie nicht ändert.
Europa steht an vorderster Front dieses zweiten China-Schocks. Denn seine Märkte werden jetzt nicht nur von günstigen Elektroautos, Batterien und anderen Hightech-Industrieprodukten überschwemmt, sondern die EU-Länder verkaufen auch weniger eigene Waren an die Chinesen, nachdem deren heimische Automobil- und andere Industrien mehr als wettbewerbsfähig geworden ist. Und für einen notorisch schwerfälligen und gespaltenen Block von 27 Nationen ist es besonders schwierig, auf diese noch dramatischere wirtschaftliche Herausforderung zu reagieren.
Die Schwierigkeiten Europas zeigen sich in den unterschiedlichen Reaktionen seiner Staats- und Regierungschefs. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez wirbt um chinesische Investitionen in seinem Land, um den Druck des wirtschaftlichen Ansturms zu mindern. Der französische Präsident versucht, es allen recht zu machen, indem er chinesische Unternehmen willkommen heißt, aber gleichzeitig strengere Kontrollen für ausländische Direktinvestitionen fordert, damit Europa nicht zu einer bloßen Fertigungsstätte für chinesische Produkte wird. Und Bundeskanzler Friedrich Merz kann sich nicht entscheiden, ob er dem akkomodierenden Ansatz der großen deutschen Automobilhersteller folgen oder den eher protektionistischen Forderungen des deutschen Mittelstands nachgeben soll. Kurzum, die EU weiß nicht recht, welchen Weg sie einschlagen soll, um ihr erklärtes Ziel der „strategischen Autonomie“ gegenüber China zu erreichen: durch Diplomatie und bilaterale Investitionsabkommen oder durch koordinierte und protektionistische Maßnahmen.
Doch jede erfolgreiche Reaktion auf den neuen China-Schock würde gemeinsame Anstrengungen auf europäischer oder sogar auf G-7-Ebene erfordern. Und hier kommt die Spaltung der westlichen Allianzen durch Donald Trumps unberechenbare und verrückte Handels- und Außenpolitik zum denkbar falschen Zeitpunkt. Ebenso wie der zusätzliche wirtschaftliche Druck, der durch die Sperrung der Straße von Hormus verursacht wird.
Dass Donald Trump die USA in einen rücksichtslosen Krieg führt, geht zu Lasten des US-Sicherheitsschirms im Indopazifik, wo der Abzug von Raketenabwehrsystemen und anderer militärischer Ausrüstungen aus Ostasien in Südkorea und Japan weiteres Misstrauen gesät hat. Wie Andrew P. Miller und Michael Clark in Foreign Affairs hervorheben, hat der Iran-Krieg „China zudem eine anschauliche Demonstration der militärischen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten geliefert, … eine Fundgrube an Informationen über US-Waffen, Entscheidungsabläufe und den Einsatz künstlicher Intelligenz, die es in künftigen Konflikten in Taiwan und anderswo nutzen könnte.“
Gleichzeitig reagiert China auf den Iran-Krieg so, wie es in jüngster Vergangenheit auf globale Krisen aller Art reagiert hat: indem es seine Widerstandsfähigkeit verbessert und sich weiter gegen externe wirtschaftliche Schocks absichert. Dies geschieht durch noch einmal verstärkte Investitionen in angewandte KI, günstige Elektrofahrzeuge und grüne Energien. Derweil bauen die prahlerischen Tech-Brüder aus dem Silicon Valley ohne gemeinsame Strategie ihre energiefressenden Rechenzentren, hält die Trump-Administration an Spritfressern und fossilen Brennstoffen fest, als regierte sie im Amerika der 80er Jahre.
Der Iran-Krieg macht deutlich, wie erfolgreich China seine Widerstandsfähigkeit erhöht und seine globale Reputation stärkt, während Amerika’s 47. Präsidenten dessen wirtschaftliche Stärke gefährdet und das meist wohlwollende Nachkriegs-Imperium ruiniert. Und Donald Trump selbst? Am Ende könnte er am Iran scheitern, wie es der verachtete Jimmy Carter tat, oder bei seinem eigenen Volk in Ungnade fallen, wie es den selbstzerstörerischen Herrschern erging, deren Niedergang in „The March of Folly“ so eindrücklich beschrieben wird.