Vom Paria zum Friedensstifter – Pakistan in Trump’s neuer Geopolitik

Lange Zeit waren Nachrichten aus und über Pakistan schlechte Nachrichten. Von der Förderung der afghanischen Taliban bis hin zu deren Terrorkampagne gegen ihre pakistanischen Sponsoren, von den kurzen Kriegen gegen seinen Erzfeind Indien bis hin zu den routinemäßigen Anträgen auf IWF-Kredite aufgrund einer weiteren Wirtschaftskrise – dieser fragile, atomar bewaffnete südostasiatische Staat hat für reichlich negative Schlagzeilen gesorgt. Doch am letzten Wochenende richtete die Welt ihren Blick auf Islamabad, weil sich Pakistan zu einem weithin anerkannten Vermittler gewandelt hat. Wie kam es zu dieser Transformation vom Schurkenstaat zum diplomatischen Akteur in Donald Trumps neuer Geopolitik, und was symbolisiert dieser Wandel? Den Niedergang der amerikanischen Macht? Das erstmalige Auftreten der „Mittelmächte“ als Vermittler in den Konflikten der Region? Ein China, das hinter den Kulissen die Fäden zieht? All diese Entwicklungen deuteten sich bei den Friedensgesprächen in Islamabad an und werden auch nach deren Scheitern die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens prägen.

Islamabad hat seine politischen Gäste aus aller Welt stolz empfangen. US-Vizepräsident Vance flog ein, ebenso wie Delegationen aus dem Iran, der Türkei, Ägypten und den Golfstaaten. Die breiten Alleen der künstlichen, aber freundlichen Hauptstadt am Fuße der Margalla-Hügel waren abgesperrt. Kein öffentlicher Verkehr mehr im Regierungsviertel oder rund um das Serena Hotel, wie auch sonst immer, wenn wütende Islamisten oder empörte Anhänger des inhaftierten Oppositionsführers Imran Khan drohten, gegen die Regierung zu marschieren. Doch diesmal war es anders. Im Gegensatz zu den einheimischen Demonstranten haben die Konvois schwarzer Limousinen die Stimmung aller Pakistani gehoben: die des Militärs, der Regierung, aller politischen Parteien und der einfachen Bürger. Pakistan ist aufgrund seiner neuen geopolitischen Bedeutung und diplomatischen Fähigkeiten zurück auf der internationalen Bühne, nicht wegen seines schlechten Rufs wie in der Vergangenheit.

Es ist vor allem eine Person, die diesen Wandel vom Paria zum Friedensstifter im letzten Jahr geschickt eingeleitet hat – Pakistans Armeechef General Syed Asim Munir. Dieser im Inland rücksichtslos agierende Offizier hatte Donald Trump besser durchschaut als die meisten anderen. Indem er dem US-Präsidenten die Lorbeeren für die Entschärfung des kurzen Krieges mit Indien im Mai 2025 überließ - während Indiens Premierminister Narendra Modi weiterhin darauf bestand, dass es sich um eine bilaterale Angelegenheit handelte - wurde Munir zu Trumps „Lieblingsfeldmarschall“, weil er ihm sagte, er verdiene den Friedenspreis für die Rettung von Millionen von Menschenleben. Indiens hohes Ansehen während der ersten Trump-Präsidentschaft ist seitdem erheblich gesunken. Bei der Wahl seiner bevorzugten strong men oder Autokraten war Donald Trump stets flexibel. Doch erst einmal ist Premierminister Modis Versuch, Pakistan als Förderer des Terrorismus zu isolieren, gescheitert.

Nachdem Munir 2022 das Amt des Generalstabschefs übernommen hatte, wurde Premierminister Imran Khan, der beliebteste Politiker des Landes, 2023 inhaftiert, worauf ein Jahr später eine manipulierte Wahl folgte. Anders als Khan entschied sich der neue Premierminister Shehbaz Sharif, sich mit dem Militär zu arrangieren statt es zu bekämpfen. Daraufhin konnte Munir seine Position stärken und wurde zum mächtigsten Armeechef seit General und Präsident Musharraf in den frühen 2000er Jahren.

Nachdem er die Opposition im eigenen Land zerschlagen hatte, hat der gut inszenierte “Sieg” über Indien Asim Munir zu einem Nationalhelden und zum de facto-Führer des Landes gemacht. Beim Studium der pakistanischen Presse vor der Ankunft der Unterhändler, hätte man nicht vermutet, dass das Land nach wie vor ein wirtschaftlicher Problemfall mit einer unterdrückten Opposition ist. Vorerst hat Munir das gesamte politische und gesellschaftliche Spektrum – von den städtischen Eliten bis hin zum Mann auf der Straße – zu einem neuen Konsens aus politischem Stolz und Selbstbewusstsen geführt. Endlich, so der allgemeine Tenor, könne Pakistan seine angestammte Rolle als wichtige Macht im Nahen Osten und Mittleren Osten wahrnehmen.

Pakistans historische Beziehungen zum Golf haben ebenso viele Veränderungen durchlaufen wie sein Verhältnis zu den USA. Von den 1950er bis in die 1990er Jahre, so argumentiert die Militärexpertin Ayesha Siddiqa, hatten sich die Beziehungen zu den Golfstaaten, insbesondere zu Saudi-Arabien, von einem militärisch-wirtschaftlichen Tauschgeschäft zu einem asymmetrischen Ideologietransfer entwickelt. Was als Austausch von Pakistans militärischem Fachwissen gegen Arbeitsmöglichkeiten für pakistanische Migranten begann, entwickelte sich zu einem einseitigen Export von Finanzströmen und Islamismus, als Saudi-Arabien in den 90er Jahren seine hauseigenen Fundamentalisten in die Koranschulen Pakistans entsandte. Diese islamistische “Entwicklungshilfe” legte den Grundstein für die Taliban.

Und als das pakistanische Militär später die Mudschaheddin – die es in den 80er Jahren für die CIA gegen die russische Besetzung Afghanistans eingesetzt hatte – zu Instrumenten seiner eigenen Politik der „strategischen Tiefe“ gegen seinen Erzfeind Indien machte, führte diese fragwürdige Strategie zu jahrzehntelanger Instabilität. Was folgte, waren die gescheiterte NATO-Intervention in Afghanistan nach dem 11. September und die zweite Herrschaft der Taliban, deren Ableger (die pakistanischen Taliban, T.T.P), heute von Afghanistan aus ihre ursprünglichen Förderer in Pakistan terrorisieren. Es ist diese selbstverschuldete Instabilität, die Pakistan, eine Nation von fast 260 Millionen arbeitssamen Menschen, daran gehindert hat, ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch gefestigtes Land zu werden. Und das alles wegen seiner ewigen Feindschaft gegen Indien.

Gleichzeitig hat Pakistan über Jahrzehnte einen geopolitischen Drahtseilakt zwischen den USA und China vollführt, ohne dabei jemals die Balance zu verlieren. In jüngster Zeit war es der Hauptnutznießer von Chinas Belt & Road Initiative, ohne dabei auf amerikanische Unterstützung zu verzichten. Betrachtet man Pakistans hybrides Militärarsenal, so lassen sich die historischen und militär-technischen Verschiebungen in der Unterstützung erkennen, die sich von amerikanischer hin zu zunehmend chinesischer Ausrüstung verlagert.

Vor diesem historischen Hintergrund werden Pakistans Interessen an einer Friedensstiftung deutlich. Ebenso wie die Risiken der erst einmal gescheiterten Vermittlung. Eine längerfristige Sperrung der Straße von Hormus gefährdet die lebenswichtigen Energieimporte des Landes und könnte zu einer Krise der Lebenshaltungskosten führen; was wiederum die bisher unangefochtene Führung von Munir und des militärischen Establishments infrage stellen würde. Eine weitere Eskalation des Krieges hätte negative Auswirkungen auf die wichtigen Geldüberweisungen von mehreren Millionen pakistanischer Arbeiter in den Golfstaaten. Und eine zu enge Anlehnung an die USA - und damit auch an Israel - könnte die 40 Millionen Schiiten in Pakistan, die zweitgrößte schiitische Bevölkerung nach dem Iran, verärgern.

„Man hat einen Militärdiktator und eine herrschende Elite, die versuchen, in der Geopolitik über ihre Verhältnisse zu spielen, um der Realität der versagenden Regierungsführung, der Sicherheitslage und der wirtschaftlichen Bedingungen in Pakistan zu entfliehen“, sp beschreibt ein politischer Berater einer früheren pakistanischen Regierung die Herausforderung für Asim Munir in der Financial Times.

Als einziges muslimisches Land mit Atomwaffen, aber einer schwachen Wirtschaft, unterzeichnete Pakistan im vergangenen September ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien: Finanzhilfen gegen Abschreckung. Wenn nun weitere iranische Raketen und Drohnen die Öl- und Militäranlagen in Saudi-Arabien treffen, befürchtet Islamabad in den Konflikt hineingezogen zu werden und Partei ergreifen zu müssen.

Aber Pakistan muss sich das Wohlwollen des Iran sichern, um die 900 km lange Grenze gemeinsam gegen belutschische Sezessionisten auf beiden Seiten zu verwalten. Nach gewalttätigen Zusammenstößen zwischen iranischen und pakistanischen Grenzposten im vergangenen Jahr war gerade eine solche gemeinsame Vereinbarung erzielt worden. Es ist Pakistans historisch gute und in jüngster Zeit bekräftigte Beziehung zum Iran, die das Land zum bestmöglichen Vermittler für die Verhandlungen über ein Ende des Iran-Kriegs gemacht hat.

Auf der anderen Seite des Konflikts hat Asim Munir den US-Präsidenten besser verstanden und umgarnt als jeder Europäer, einschließlich NATO-Generalsekretär Rutte. Zunächst hat er sich der Gaza-Gruppe angeschlossen. Dann waren seine Reaktionen auf alle kursierenden US-Pläne stets wohlwollend aber zurückhaltend. Währendessen hat sein Außenminister Ishaq Dar an die ausbeuterische Seite der US-Regierung appelliert. In einer Art „Krypto-Diplomatie“ hat er mit dem Sohn von Trumps Berater und Unterhändler Steve Witkoff über die Erkundung von Möglichkeiten für eine Krypto-Partnerschaft gesprochen, im weniger restriktiven Umfeld der pakistanischen Regulierungsbehörde für virtuelle Vermögenswerte.

Die Art und Weise, wie Trump ohne Plan in diesen Krieg hineingezogen wurde, wie er Teheran zunächst die Kontrolle über die Straße von Hormus überließ und wie sein Vizepräsident die Friedensgespräche in Islamabad hat scheitern lassen, macht den 47. US-Präsidenten zum Totengräber des alten – nicht immer, aber meist wohlwollenden – amerikanischen Imperiums. Die USA mögen zwar immer noch eine „räuberische Hegemonialmacht“ (Stephen Walt) sein, doch sie haben sich im Nahen Osten eindeutig übernommen, indem sie den Iran erfolglos herausgefordert haben. Unter Donald Trump hat Amerika seine moralische Reputation zerstört und seine Verbündeten verprellt. Und es hat im Konflikt, im Wettbewerb oder in der Rivalität mit China – wie auch immer man dies nennen mag - eindeutig an Statur verloren.

Nun versucht eine Gruppe neuer Mittelmächte, die über Atomwaffen, Finanzmacht und große Armeen verfügt, einzuschreiten, wie die Runde der Unterhändler in Islamabad gezeigt hat. Da die sogenannte „internationale Gemeinschaft“ und die Vereinten Nationen durch Trumps Transaktionalismus und seine Verstöße gegen das Völkerrecht geschwächt sind, hat Pakistan Ersatz an den Verhandlungstisch geholt: Saudi-Arabien mit gewissem Einfluss auf Israel, die Türkei als langjähriger Gesprächspartner und Ägypten mit der Arabischen Liga. Dies ist noch eine völlig ungetestete Formation, anfällig für Fehltritte und interne Querelen. Und die  Menschenrechtsbilanz der jeweiligen Regierungen ist abstoßend. Aber so ist dies in der neuen Weltunordnung - und dennoch vielleicht ein erster Schritt zu einer Neuordnung ihrer Nachbarschaft.

Schließlich gibt es noch China, das sich dem Rampenlicht fernhält, aber still und leise an Lösungen arbeitet, die seine eigenen Interessen sichern. Es war Beijing, das den Iran an den Verhandlungstisch gebracht hat, es ist Beijing, das beträchtlichen Einfluss auf Pakistan ausübt, und es ist Xi Jinping, der die wirtschaftlichen und maritimen Interessen seines Landes in dieser Region systematischer und rationaler verfolgt, als es die Vereinigten Staaten unter Donald Trump vermögen.

Nach den abgebrochenen Verhandlungen zur Beendigung des Iran-Kriegs bleiben viele Fragen offen: Wie wird die Trump-Administration den Schauplatz der von ihr verursachten Verwüstung und Zerstörung verlassen? Wer soll die Israelis aufhalten? Wer organisiert dauerhaft die Straße von Hormus? Wie wird China agieren, wenn US-Kriegsschiffe seine Ölimporte gefährden? Welche Rolle werden die „Mittelmächte“ von nun an spielen? Wie wird Indien darauf reagieren, dass es von den USA und der pakistanischen Diplomatie an den Rand gedrängt wurde? Und wo zum Teufel ist Europa in diesem ganzen Chaos? 

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Der “König”von Amerika und seine europäischen Vasallen