How Africa Works“ von Joe Studwell – oder wie es funktionieren könnte. Eine Buchbesprechung
Wie man nicht über Afrika schreiben sollte, dürfte nach der wunderbar konträren Parodie „How to write about Africa“ des verstorbenen Binyavanga Wainaina aus dem Jahr 2005 klar sein. Man solle diesen riesigen und vielschichtigen Kontinent nicht betrachten, als wäre er ein einziges Land, so seine Bitte. Wie man Afrika nicht behandeln sollte, dürfte auch offensichtlich sein, nachdem das britische Magazin „The Economist“ seinen Ton von „The Hopeless Continent“ im Jahr 2000 zu „A Hopeful Continent“ im Jahr 2013 geändert hat – und damit gleich zweimal danebenlag. Aber wie rezensiert man dann ein ausgezeichnetes Buch mit dem allerdings ebenso anmaßenden Titel „How Africa Works“ von Joe Studwell, weitere dreizehn Jahre später? Nun, versuchen wir es!
Zunächst einmal nähert sich der Journalist und Wissenschaftler Joe Studwell Afrika aus Asien kommend, über das er sein vielbeachtetes Buch „How Asia Works“ (2013) geschrieben hatte. Das heißt, er betritt den riesigen Kontinent als Neuling und führt den Leser durch die statistischen und analytischen Vorarbeiten, die er leisten musste, um dieses Buch schreiben zu können. Der Grund für sein kühnes Unterfangen? Als Berater war Studwell von den ehrgeizigen und neugierigen Staatschefs Äthiopiens und Ruandas gebeten worden, eine afrikanische Fortsetzung seines asiatischen Bestsellers zu schreiben, weil sie die Erfolgsgeschichten Singapurs oder Südkoreas auf afrikanischem Boden nachahmen wollten. Warum also ist Afrika immer noch arm, wollten sie wissen.
Studwell nennt drei Hauptgründe. Erstens, weil der afrikanische Kontinent seit jeher stark unterbevölkert ist und erst im Jahr 2030 die Bevölkerungsdichte Südkoreas von 1960 erreichen wird. Dieser seit langem bestehende demografische Nachteil ist nichts Neues und wurde bereits an anderer Stelle ausführlicher beschrieben, etwa in John Readers großartigem Werk „Africa – A Biography of the Continent“. Doch diese Erkenntnis wurde in letzter Zeit von europäischen Einwanderungsängsten überschattet, geschürt von Autoren wie Stephen Smith in „Nach Europa!“ (2018), die das bedrohliche Szenario einer angeblichen afrikanischen Überbevölkerung entwickeln, welche in ein hilfloses Europa strömt.
Zweitens aufgrund dessen, was Studwell als low-budget-Kolonialismus“ bezeichnet. Dieses vorwiegend auf Rohstoffgewinnung ausgerichtete und oft kurzlebige Experiment der Ausbeutung, wie es von Belgien im Kongo und den deutschen Besatzern in Tansania mit besonderer Brutalität praktiziert wurde, hinterließ die meisten afrikanischen Kolonien bei der Unabhängigkeit mit einem im Vergleich zu Asien deutlich niedrigeren Bildungsniveau und einer äußerst schmalen akademischen Elite. Kurz gesagt: Kenia war nicht Indien, wo zumindest das Gerüst der staatlichen Verwaltung Unabhängigkeit und Teilung überstanden hatte.
Den dritten Faktor für Afrikas Armut sieht Studwell in “einer Reihe einschränkender Ausgangsbedingungen für die Entwicklung, die sich aus den ersten beiden ergeben”. Infolge staatlicher Schwäche, geringer Budgets und niedriger Alphabetisierungsraten - sowie des rassistischen Erbes weißer Siedlergemeinschaften - begannen viele afrikanische Länder ihr postkoloniales Dasein innerhalb künstlich gezogener Grenzen und mit nicht mehr als ein paar Dutzend Ärzten, Ingenieuren und Lehrern; Tansanias Gründervater Julius Nyerere gehörte zu Letzteren. Ich erinnere mich, dass mir der kongolesische Vater einer guten Freundin erzählte, er habe von seinen Reisen als Ingenieur in den frühen 60er Jahren viele afrikanische Staatschefs persönlich gekannt – so klein waren damals die Kreise der gebildeten und politischen Eliten in Kinshasa, Dar-es-Salam, Accra und Dakar, deren Mitglieder unter widrigen Umständen den postkolonialen Staatsaufbau in Angriff nehmen mussten.
Für Studwell „ist es die Kombination dieser drei Arten von Hindernissen – und nicht die häufiger genannten wie Korruption und ethnische Gewalt –, die den wirtschaftlichen Aussichten Afrikas Grenzen setzten“.
In diesem ersten Teil des Buches gelingt es Studwell meisterhaft, seine siebenjährige Forschungsarbeit zusammenzufassen, Daten zu präsentieren, aber auch zu hinterfragen, gängige Theorien zu wiederholen oder zu widerlegen, aber auch eigene Ideen zu entwickeln, Vorurteile aufzudecken und seine eigenen Vergleiche mit den Entwicklungen in Asien auf ihren Wert hin zu prüfen. All dies ergibt eine perfekte Einführung für Leser, die keine Experten für afrikanische Angelegenheiten sind, aber dennoch mehr über „Erfolg und Misserfolg an der letzten Entwicklungsfront der Welt“ erfahren möchten, wie der Untertitel des Buches lautet.
In gewisser Weise fasst Studwell zunächst zusammen, was in Afrika eben nicht funktioniert und warum nicht. Doch er vermeidet dabei die deterministischen Urteile anderer und den zynischen Ton, der in Expertisen und Reportagen über den prekären Zustand afrikanischer Länder häufig vorherrscht. Er macht den Kolonialismus nicht für alle Missstände verantwortlich und schiebt den Großteil der Schuld für die mangelnde Entwicklung auch nicht einfach korrupten afrikanischer Eliten zu. Stattdessen bleibt seine Analyse differenziert Der Autor versucht, so neutral zu bleiben, wie es ein westlicher Beobachter nur sein kann.
Teil II des Buches befasst sich mit vier Ländern, denen nach der Unabhängigkeit bemerkenswerte wirtschaftliche Fortschritte gelungen sind – Botswana, Mauritius, Äthiopien und Ruanda – und den Gründen dafür. Auch hier verzichtet Studwell darauf, moralische Urteile über den demokratischen Preis zu fällen, der für ihre beeindruckenden Wachstumskurven gezahlt wurde, und konzentriert sich auf strukturelle Faktoren, die ihren relativen wirtschaftlichen Erfolg erklären.
In Botswana war es eine „Koalition für nationale wirtschaftliche Entwicklung“, die unter dem ersten Präsidenten Seretse Khama gegründet wurde und es schaffte, internationale Mineralienverträge und andere Abkommen auszuhandeln, die für diese kleine Nation, die auf wertvollen Diamantenvorkommen sitzt, vergleichsweise vorteilhaft waren. Doch Botswana bleibt ein zutiefst ungleiches und gespaltenes Land, das daher, wie Studwell schreibt, „eine Entwicklungskoalition mit einem Plan für integratives Wachstum benötigt”.
Auf Mauritius war es „eine beeindruckende politische Koalition aus Asiaten, Schwarzen, Weißen, Hindus, Muslimen und Christen“, die die französisch-mauritischen Zuckerbarone dazu zwang, wirtschaftliche Entwicklung durch Steuern zu finanzieren. Heute rangiert Mauritius stets auf den ersten Rängen der Indexe für menschliche Entwicklung und ist möglicherweise das am besten regierte Land Afrikas. Doch selbst mit seiner Textilindustrie und dem florierenden Luxustourismus, so Studwell, ist es dem Land noch nicht gelungen, dem Beispiel asiatischer Länder zu folgen und eine höheres industrielles Niveau zu erreichen.
Äthiopiens Entwicklung kommt Studwells asiatischer Formel für wirtschaftlichen Erfolg am nächsten: der Priorisierung der Landwirtschaft, gefolgt von einer Industriestrategie, alles abgesichert durch verschiedene Formen der Kapitalkontrolle. Es war Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi, ein eifriger Student Ostasiens, der den Staat dazu brachte, in landwirtschaftliche Entwicklung zu investieren und Kleinbauern zu unterstützen; der später Industrieparks errichtete und den Grand Ethiopian Renaissance Dam in Angriff nahm; und der dieses Land mit (heute) 135 Millionen Einwohnern von 1991 bis zu seinem Tod im Jahr 2012 – und darüber hinaus – zu Wachstumsraten zwischen 6 und 12 % führte. Doch im November 2020 wurde Äthiopiens vielversprechendes Wirtschaftsexperiment durch einen Krieg jäh beendet – oder zumindest unterbrochen.
Für Studwell war „der Krieg in Tigray die größte Entwicklungstragödie in Afrika seit einer Generation“, da er auch den „Demonstrationseffekt“ einer solch bemerkenswerten Entwicklung von Armut zu Wachstum zunichte machte. Er macht Meles Zenavis marxistische Vorstellung dafür verantwortlich, dass ethnische Konflikte lediglich eine Folge wirtschaftlicher Ausbeutung seien. Dieser naïve Glaube habe den Premierminister dazu veranlasst, ein föderales System einzuführen, das nach Ansicht vieler einfach nicht funktionieren konnte. Doch selbst nach dem Krieg, der 600.000 Menschen das Leben kostete, hofft Studwell, dass Äthiopiens Traum nicht zerstört, sondern nur aufgeschoben ist: wenn Präsident Abiy die Provinz Tigray wieder integrieren kann, Eritreas Führer Isaias Afwerki „aus der äthiopischen Politik heraushalten kann“ und eine Lösung für den anderen ethnischen Konflikt im südlichen Amhara und den angrenzenden Teilen von Oromia zu finden vermag. Dies ist ein großes „wenn“. Das Kapitel über Äthiopien ist denn auch der einzige Teil des Buches, in dem die ansonsten nüchterne Analyse des Autors von einigem Wunschdenken geprägt ist.
Und schließlich Ruanda, eine kleine, von Land umgebene und überbevölkerte ehemalige belgische Kolonie, die 1994 einen weiteren Völkermord erlebte. Nachdem im Sommer 1994 die vorrückende Rebellenarmee RPF unter Paul Kagame die Ermordung von 800.000 Angehörigen der Tutsi-Ethnie durch das Hutu-Regime nicht verhindern konnte, übernahm dieser die Zügel in einem Land, das von ethnischer Gewalt verwüstet war, die teilweise indigene, aber hauptsächlich koloniale Wurzeln hatte.
Präsident Paul Kagame wußte von Beginn an genau, wie er gegenüber dem Westen auftreten musste: mit Verweisen auf die Opferrolle der Tutsi, auf die politische Stabilität und seine Wirtschaftskompetenz. Sowie mit dem Angebot, für Kriseneinsätze in Afrika ruandische Truppen bereitzustellen. Dagegen entschuldigt der Westen gerne den repressiven Charakter seines Regimes.
Das Regime Kagames, das sich ausdrücklich am singapurischen Modell orientierte, investierte gezielt in das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor, was zu Wachstumsraten von durchschnittlich 8 % führte. Und von der Verkehrsregelung bis zur Gleichstellungspolitik sind die politischen Fortschritte in Ruanda vorbildlich. Gleichzeitig lässt Präsident Kagame Mitglieder der politischen Opposition in Kigali und im Ausland ermorden. Doch wenn man gewöhnliche Bürger in den Nachbarländern Tansania und Uganda fragt, würden viele Kagames Herrschaft dem vorziehen, was sie bei sich zu Hause vorfinden.
Studwell bezeichnet das ruandische Regime als „brutal, aber entwicklungsfördernd“. Er hinterfragt einige der vorliegenden Wirtschaftsdaten, ohne die Errungenschaft eines stetigen Wachstums zu schmälern. Er stuft Kagame als „Spin-Diktator“ ein, da er es trotz Ruandas brutaler und ausbeuterischer Rolle in der Kongo-Krise und seiner repressiven Herrschaft im eigenen Land schafft, „mehr Hilfe pro Kopf zu erhalten als fast jeder andere afrikanische Staat“. Am Ende verweist Studwell auf Ruandas längerfristiges Problem, das nach dem Tod von Meles Zenawi in Äthiopien zu beobachten war: „Was wird geschehen, wenn der charismatische Führer, der das Projekt allein durch seine Persönlichkeit und durch Angst zusammenhielt, nicht mehr da ist?“ Wird das Wirtschaftswachstum dann noch ethnische Konflikte verhindern können?
Insgesamt sind alle vier Fallstudien von Studwell gut recherchiert, äußerst interessant, und nuanciert. Doch keine von ihnen kann als Blaupause für die Entwicklung in anderen afrikanischen Ländern dienen, da die relativen Erfolgsgeschichten von Botswana, Mauritius, Äthiopien und Ruanda durch einzigartige Faktoren geprägt sind. Dennoch gibt es genügend Lehren, die man daraus ziehen kann.
Studwells entwicklungspolitische „to-do-Liste“ umfasst „eine Entwicklungskoalition zur Überwindung ethnischer Spaltungen, Kleinbauernwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe und angemessene Finanzregelungen (einschließlich der umsichtigen Verwendung von Einnahmen aus Bodenschätzen und fossilen Brennstoffen)“. Und es gibt Anzeichen dafür, dass die mögliche Umsetzung dieser Empfehlungen nicht reines Wunschdenken ist.
Er benennt „eine demografische Verdichtung“ und „ein weltweit beispielloses Urbanisierungstempo“ sowie niedrige Arbeitskosten und Bodenschätze als positive Faktoren für einen Übergang von Armut zu wirtschaftlichem Fortschritt. Er beobachtet auch „den langsamen Aufstieg des afrikanischen Staates“, „eine sich verbessernde Führung“ und „mehr Demokratie, als Europa oder Asien bei einem ähnlichen Einkommensniveau erlebt haben“. Doch Studwell ist realistisch genug, um zu verstehen, dass die meisten afrikanischen Länder keine Entwicklungsstaaten werden, „aber dennoch in einer Reihe verschiedener Bereiche die politische Weichenstellung ein wenig beeinflussen können“.
Selbst gegenüber den oft gescholtenen „wohlmeinenden Weißen“ nimmt er eine differenzierte Haltung ein. Er übernimmt einige Argumente der prominentesten Kritiker internationaler Entwicklungshilfe wie William Easterly (The White Man’s Burden) und Dambisa Moyo (Dead Aid). Dennoch kritisiert er deren Analyse wegen ihres „fantasievollen Vergleichs“ mit der Entwicklung in Ostasien, weil sie die Tatsache ignorieren, dass es die internationale Entwicklungshilfe war, die ursprünglich die Erfolgsgeschichten Südkoreas und Taiwans auf den Weg gebracht hat.
Studwell kritisiert den Hilfssektor als „fashion business“ und wirft USAID vor, die eigentliche Hilfe zu wirtschaftlicher Entwicklung aufgegeben zu haben, lange bevor Präsident Trump deren Budget um 90 % gekürzt hat. Er kritisiert die westliche bilaterale Hilfe dafür, dass sie niemals die Landwirtschaft, Landreformen oder Bauerngenossenschaften unterstützt habe, und macht die reichen Geberländer der UNO dafür verantwortlich, die Millenniums-Entwicklungsziele fast ohne Einbeziehung afrikanischer Staaten entworfen zu haben.
Doch trotz dieser Versäumnisse des Hilfssektors – „von denen viele ideologisch bedingt von den reichen Nationen selbst verursacht wurden“ – nennt Studwell Beispiele, bei denen Hilfe keine Verschwendung war, sondern positive Veränderungen, erhebliche Verbesserungen im Gesundheitswesen und allgemeines Wirtschaftswachstum bewirkt hat.
Für Studwell steht fest: „Afrika rückt wie nie zuvor in den Fokus der Welt.“ Seiner Ansicht nach wird der afrikanische Kontinent für die multinationalen Konzerne der Welt „der letzte große Grenzmarkt des Planeten“ sein. Entlang dieser Grenze werde Afrikas Wachstum anhalten, allerdings in fragmentierter Form. Donald Trumps „shifthole countries“ von Mauretanien über den nördlichen Sahel bis nach Somalia, glaubt Studwell, werden weiterhin mit politischer Instabilität und Armut zu kämpfen haben. Doch „Regionen wie Ostafrika und die Küstengebiete Westafrikas – von der Elfenbeinküste über Ghana, Benin und Nigeria bis hin zum Senegal im Norden werden Wachstumszentren mit einer Bevölkerung von Hunderten von Millionen sein“.
Sollte das Ziel der Afrikanischen Entwicklungsbank von 4.500 US-Dollar BIP pro Kopf bis 2060 erreicht werden (ein weiteres großes „wenn“), würde sich die Wirtschaft des Kontinents der heutigen Größe der chinesischen Wirtschaft annähern. In Zukunft, so vermutet er, „wird die reiche Welt nicht mehr von Afrika als einem problembelasteten Kontinent sprechen, sondern von Teilen davon, die problembelastet sind, und Teilen davon, die vielversprechend sind“.
Man mag nicht alle Vorhersagen Studwells teilen, doch der Kern seiner Argumentation ist überzeugend. „Wenn Sie außerhalb Afrikas leben – sei es in Amerika, Europa oder Asien – wird Afrika einen größeren Teil Ihres Lebens einnehmen.“ Eine Aussage und Beobachtung, die wir Europäer aus Eigeninteresse nicht ignorieren sollten. Studwells Buch ist jedenfalls ein hervorragender Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie Afrika denn “funktionieren” - und damit unser Leben beeinflussen - könnte.