“Die Invasion der Idioten” - Wie Donald Trump den Wandel der US-Medien für sich nutzte.

Ohne die sozialen Medien wäre Donald Trump nicht Präsident geworden. Er war der erste hochrangige US-Politiker, der die Veränderungen der alten Medienordnung seit den späten 90er Jahren bei seiner ersten Kandidatur 2016 wirklich verstanden hatte. Während sich die gatekeeper der alten Medien selbstgefällig in ihren Moderatoren- und Redakteurssesseln drehten, fand Trump neue Wege der Kommunikation, um die Beschwerden einer desillusionierten Öffentlichkeit aufzunehmen, welche „die Medien“ seit langem als Teil eines politischen Establishments verachtete, das seine Versprechungen nicht mehr einlösen konnte. Und als die liberalen Eliten dachten, sie hätten „den Donald“ im Jahr 2020 endgültig besiegt, kam er mit voller Wucht zurück, indem er die Kluft zwischen dem traditionellen konservativen Publikum von Fox TV und den jungen “Konfliktunternehmern” in den sozialen Medien überbrückte. „Fake News“ war sein Schlachtruf. Der Schaden, den Donald Trump damit der Medienfreiheit und der öffentlichen Sphäre zugefügte, wird sein Vermächtnis sein – und eine Herausforderung für die nachfolgende Generation.

Umberto Eco hatte es kommen sehen. Er nannte es „die Invasion der Idioten“. Der bekannte Erforscher des Mittelalters, Semiotiker und Autor von „Der Name der Rose“ hatte Mussolinis Faschismus und die Veränderungen von Sprachen durch Jahrhunderte untersucht. Aber heute, so sagte er im Juni 2015 in Turin, „geben die sozialen Medien Heerscharen von Idioten das Recht zu sprechen, wo sie früher nur in einer Bar nach einem Glas Wein redeten, ohne der Gemeinschaft zu schaden“. Eco starb im Februar 2016, und innerhalb eines Jahres war Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen; als erster amerikanischer Präsident, der begriff, dass die Demokratisierung von Informationen ohne Leitplanken, dass die Förderung von Emotionen anstelle von Fakten und von Viralität anstelle von Genauigkeit die politische Landschaft gänzlich verändern würde.

Wie kam es dazu? Auf Reisen durch die Vereinigten Staaten in den 90er Jahren konnte man zwei gegenläufige Entwicklungen beobachten: den in weiten Teilen der Bevölkerung wachsenden Hass auf „die Medien“ auf der einen Seite und die zunehmende Selbstzufriedenheit unter den Gatekeepern dessen, was heute als „die traditionellen Medien“ bezeichnet wird. Im Autoradio waren die volkstümlichen, bissigen, unterhaltsamen, manchmal witzigen aber oft rassistischen Kommentare populärer Talk-Moderatoren zu hören. In den Seminarräumen von Journalistenschulen, erfuhr man dagegen von Studenten, dass ihr primärer Berufswunsch darin bestand, Fernsehmoderator zu werden, berühmt und reich wie die bekannten anchor persons der nationalen Networks oder Kabelsender in Washington D.C.. Eine Karriere im investigativen Journalismus steuerten nur wenige an.

Im Februar 1996 verfasste der Autor James Fallows einen langen Essay „Warum Amerikaner die Medien hassen“ (The Atlantic), in dem er die Selbstgefälligkeit im Hauptstadtjournalismus kritisierte und beschrieb, wie „die Selbstverherrlichung der Medien der Lösung der Probleme des Landes im Wege steht“. Seine Schlussfolgerung: „Kurzfristig sind diese Angriffe auf die Glaubwürdigkeit ein Problem für Journalisten und den Journalismus. Langfristig sind sie ein Problem für die Demokratie.“

Im Laufe der Zeit bauten die konservativen Kräfte innerhalb und außerhalb der Republikanischen Partei ein rechtes Netzwerk aus provokativen Radiomoderatoren, Bloggern, Thinktanks und Medieninhabern auf, finanziert von Milliardären wie den Koch-Brüdern, mit dem langfristigen Ziel, einen Kulturkampf gegen jede Form liberalen Denkens in den Medien, an Universitäten und in Regierungsbehörden zu führen. Ihr Ziel war es, die konservative Hegemonie wiederherzustellen, die sie ihrer Meinung nach an die liberale Linke verloren hatten – und dabei den Staat zurückzufahren.

Während der beiden Clinton- und der beiden Obama-Präsidentschaften bis 2016 schenkte die siegreiche Demokratische Partei dem sich wandelnden Medienumfeld und der aufkommenden Rebellion gegen die etablierten Medien, gegen die Eliten entlang der Küsten und gegen das Washingtoner Establishment kaum Beachtung. Die radikale Tea-Party-Bewegung nach 2008, so dachten sie, sei ein Problem für die Republikanische Partei, nicht für die Demokraten. Doch technologische Veränderungen (wie das erste iPhone im Jahr 2007 und der erste Ranking-Algorithmus von facebook im Jahr 2010) veränderten das Verhalten in den sozialen Medien dramatisch und schufen die Voraussetzungen für jenes alternativ-konservative Medienökosystem, das Trump an die Macht brachte – zur völligen Überraschung einer Linken, die gedankenlos in das neue Zeitalter schlitterte.

Selbst in den folgenden Biden-Jahren (2020–2024) begriff die Demokratische Partei nicht, welche Folgen die polarisierte, stark monetarisierte und politisierte „Aufmerksamkeitsökonomie“ auf die politischen Einstellungen und das Stimmverhalten einer verärgerten Wählerschaft hatte. Die Demokraten hielten an ihrer Ansicht fest, dass nur Fakten, Institutionen und Politik zählten, obwohl Trump gezeigt hatte, dass Lügen, Emotionen und Klischees zu Narrativen verwoben werden konnten, die überzeugender waren als soziologische Analysen oder Politikvorschläge.

Trump redete in einer scheinbar „einfachen“ Sprache voller Wiederholungen, Superlative und Gegensätze, die er in der gnadenlosen Welt der Immobilienbranche und als Moderator billiger, aber populärer Fernsehsendungen perfektioniert hatte. Diese neue politische Sprache war rücksichtslos und gleichzeitig nahbar. Sie war der perfekte Code für alternative Medien, um sie in die verschiedenen Blasen einer Wählerschaft zu filtern, die sich im sozialen Abstieg wiederfand - oder wähnte: Teile der Arbeiterklasse, Wähler aus ländlichen Gebieten, konservative Südstaatler, Evangelikale und junge Männer ohne Hochschulabschluss.

Bereits 2015 hatte der Technologie-Autor Nicholas Carr in seinem Essay „How Social Media is Ruining Politics“ (Politico) Trump als „einen geborenen Troll“ beschrieben, „der es versteht, im richtigen Moment provokative Meldungen zu verbreiten; er ist der erste Kandidat, der für den Google-News-Algorithmus optimiert ist“. Carr vermutete, dass „ein Snapchat-Kandidat, leidenschaftlich und doch hohl, ein perfektes Gefäß für einen Personenkult sein könnte“. Womit er die Zukunft unter Donald Trump vorwegnahm.

Noch heute fragen sich die Demokraten, warum sie im letzten Wahlkampf keinen Joe Rogan auf ihrer Seite hatten, den beliebten Podcaster, der von der Unterstützung der Demokraten auf die Seite Trumps gewechselt war und maßgeblich zur Wahlniederlage von Kamala Harris im November 2024 beigetragen hatte. Für den Autor Andrew Marantz (Anti-Social. Techno-Utopians, and the Hijacking of the American Conversation, 2019) liegt der Grund darin, dass die Demokraten in einem „Paradoxon der Zurechtweisung“ gefangen sind, indem sie sich der gebildeten Elite anbiedern und gleichzeitig den Rest der Bevölkerung mit ihren “vorwurfsvollen” Urteilen „herablassend“ behandeln.

Nachdem er für seine Recherche einige Zeit in der Online-Welt von rechten Nationalisten, Nihilisten und Verschwörungstheoretikern verbracht hatte, beschreibt Marantz, wie die „Gate-Crasher“ die Gatekeeper abgelöst haben, wie der weiße Nationalismus vom Rand in den Mainstream gerückt ist, wie Memes politische Kategorien verdrängt haben und wie die extreme „Manosphäre“ hofffähig geworden ist, sodass Podcaster wie Joe Rogan ihre geäußerten Vorurteile nun als bloße Fragen tarnen können.

Wenn man sich Late-Night-Shows auf Fox TV oder Podcast-Sessions anhört, findet man sich meist in einer Gesprächssituation wieder, in der Geplänkel den ernsthaften Dialog ersetzt hat. Während die Demokraten noch in Podiumsdiskussionen oder auf den Meinungsseiten debattieren, versammelt sich Amerikas Rechte in den simulierten Wohnzimmern der alternativen Medien. „Der formelhafte Charakter der sozialen Medien“, schreibt Nicholas Carr, „eignet sich gut für das Geplänkel, das unter Freunden stattfindet“. Nur halt mit dem Unterschied des potenziellen Schadens für die Gemeinschaft, auf den Umberto Eco in seinem Zitat verwiesen hat. Viele Zuschauer dieser Spektakel und Anhänger des Präsidenten wissen wahrscheinlich, dass seine Medienbeiträge auf „Trump Social“ kaum der Wahrheit entsprechen, aber der gesprächige Ton vermittelt ihnen das Gefühl, dass sie sich wahr “anfühlen”.

Seit Trumps Wiederwahl im Jahr 2024 haben drei Entwicklungen die alte Medienordnung weiter durcheinandergebracht, den Einfluss der Konservativen auf das Online-Publikum verstärkt und die traditionellen Medien geschwächt: KI-gesteuerte Algorithmen; die Übernahme traditioneller Medienunternehmen durch die techbros in Silicon Valley; und die zunehmenden Angriffe der Trump-Administration auf die Meinungsfreiheit, womit diese jetzt von rechts jene cancel culture praktiziert, die sie den Linksliberalen seit Jahren vorwirft.

Erstens macht es der rasante Fortschritt bei großen Sprachmodellen (LLMs) zunehmend schwierig, den Unterschied zwischen von Menschen produzierten Nachrichten und solchen, die von künstlicher Intelligenz generiert wurden, zu erkennen. Dies öffnet KI-Betrügern Tür und Tor, die sich als Journalisten oder sogar als Autoren von Belletristik ausgeben, wie der jüngste Skandal bei der britischen Literaturzeitschrift Granta gezeigt hat. Hier hatten die Redakteure eine preisgekrönte Geschichte veröffentlicht, die aber Anzeichen einer KI-Generierung aufwies. Doch letztendlich konnten sie nicht feststellen, ob dieser Vorwurf falsch oder richtig war.

Die Weiterentwicklung von LLMs wird es fast unmöglich machen, den Unterschied zwischen traditionellen Recherchen durch echte Journalisten und KI-generierten Inhalten festzustellen, die dann in algorithmengesteuerte Social-Media-Kanäle eingespeist werden. Dies wird zu noch mehr „politicsmaxxing“ führen, wie Jay Kaspian Kang dies im New Yorker nennt, dem Zuschneiden spezifischer und „heißer“ politischer Themen auf besonders anfällige Zielgruppen.

Zweitens, die Übernahme von Nachrichtenkanälen und traditionellen Medienunternehmen durch Milliardäre und Tech-Größen, die den Präsidenten unterstützen – auf Kosten der Medienfreiheit. In Trumps erster Amtszeit kaufte Elon Musk Twitter und Jeff Bezos die Washington Post. Seine zweite Amtszeit wird geprägt von der Übernahme des Warner Bros. Discovery-Konzerns durch Paramount, obwohl Netflix ein wirtschaftlich sinnvolleres Angebot unterbreitet hatte. Für Paramount-Chef David Ellison spielte jedoch die Politik eine größere Rolle als die Wirtschaft, da er und sein milliardenschwerer Vater Larry Ellison die beiden „liberaleren“ Fernsehsender von Warner Bros, nämlich CBS und CNN, dem rechten Medienlager zuführen wollten. Die Financial Times sieht in den Übernahmeschritten der Ellisons „den Beginn einer neuen Dynastie“. In erschreckenden Grafiken dokumentiert das Projekt „The Authoritarian Stack“, „wie Tech-Milliardäre ein postdemokratisches Amerika aufbauen – und warum Europa als Nächstes dran ist“.

Drittens folgen den rhetorischen Angriffen auf die Pressefreiheit jetzt mit der zweiten Trump-Administration entsprechende Taten. Medienunternehmen werden verklagt, Journalisten verteufelt, die Gelder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk drastisch gekürzt, und die einst unabhängige Regulierungsbehörde FCC gerät zum Ausführungsorgan der Regierung. Einzelne Journalisten, bekannte Late-Night-Moderatoren und prominente Redakteure haben sich gegen diese Angriffe gewehrt oder sind zurückgetreten. Doch die meisten Medienunternehmen haben den Drohungen der Regierung mit hohen Strafzahlungen und Lizenzverlust feige nachgegeben.

Da die Trump-Administration weiterhin hohe Regierungsämter mit Moderatoren von Fox TV oder rechten Podcastern besetzt, werden die traditionellen Barrieren zwischen Medien und Regierung schneller abgebaut, als dies in Ungarn unter Viktor Orbán der Fall war. Manche bezeichnen das Ergebnis als „eine neue Art von Staatsmedien“.

Donald Trump kandidierte für das Präsidentenamt, als die digitale Technologie die Struktur der alten Medienordnung rasch veränderte, als die Medienkonzentration immer schneller voranschritt und als die Algorithmen der Social-Media-Plattformen begannen, die traditionellen Gatekeeper der etablierten Medien zu ersetzen. Diese Entwicklungen, sein volksnaher Stil und seine Fähigkeit, das empfundene Opferdasein und die in weiten Teilen der Wählerschaft grassierende Wut anzusprechen, passten perfekt zusammen. In dem Moment, als die sozialen Medien „Heerscharen von Idioten das Recht zu sprechen gaben“, war Donald Trump zur Stelle, um ihr Lamento in seine populistische Politik zu kanalisieren. Donald Trump nutzte diesen Wandel der Medien wie kein anderer. Und in seiner zweiten Amtszeit ließ er die „gate crashers“ los, um die Medienfreiheit und andere Schutzmechanismen des demokratischen Staates einzuschränken.

Doch es ist kein republikanischer Nachfolger in Sicht, der seinen Stil nachahmen und die wachsenden Widersprüche der MAGA-Bewegung in einer Persönlichkeit vereinen könnte. Aber auch die Demokraten werden Mühe haben, den öffentlichen Raum nach dessen Vandalisierung durch Trump und seine Gefolgsleute wieder neu aufzubauen. Zwar könnte sich selbst unter Republikanern die Einsicht breitmachen, dass der dem nationalen Diskurs zugefügte Schaden, die Demokratie gefährdet. Möglicherweise wächst sogar der Widerstand gegen die „Broligarchen”, die Social-Media-Plattformen besitzen und die Kommunikationsströme manipulieren. Und es gibt erste Anzeichen einer Gegenreaktion gegen den Einsatz von KI innerhalb und außerhalb der Medienwelt. Doch die Suche nach neuen Regeln für eine weniger polarisierte und besser regulierte Medienordnung wird eine Aufgabe für eine ganze Generation sein. 

Next
Next

Labours letzter Versuch. (Nicht nur) Großbritannien sucht einen mutigen Führer