Was für ein Ritt der Geschichte! Die Vereinigten Staaten nach 250 Jahren

Im Gegensatz zu den meisten Ländern wurden die Vereinigten Staaten auf Ideen gegründet, nicht auf ethnische Zugehörigkeit, eine gemeinsame Sprache oder ein gemeinsames Erbe. Als der Zweite Kontinentalkongress am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeit von Großbritannien erklärte, berief er sich auf Prinzipien statt auf ein historisches Vermächtnis oder territoriale Rechte. Doch was ist im Laufe von zweieinhalb Jahrhunderten aus den beschworenen “selbstverständlichen Wahrheiten” geworden, aus den Versprechen der Gründerväter, den Träumen der Nation und den Mythen, die sich seitdem um diese Geschichte ranken? Wie steht es um die älteste Demokratie der Welt, nach der Abspaltung vom Britischen Empire, nach einem blutigen Bürgerkrieg und zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg, nach Vietnam, den sozialen Umwälzungen der 60er und 70er Jahre – und nach Jahrzehnten globaler Hegemonie, die erst in jüngster Zeit zerfällt? Was für ein Ritt der Geschichte von Thomas Jefferson, der die „Unabhängigkeitserklärung“ in besinnlichen 17 Tagen verfasste, bis hin zu Donald Trump, der in schlaflosen Nächten Dutzende sinnentleerter Unwahrheiten über seine eigene Social-Media-Plattform herausschreit.

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Jedes amerikanische Schulkind hat diesen mitreißenden Satz aus dem verehrten Gründungsdokument gelernt, das an den britischen König, die amerikanischen Kolonisten und die Welt gerichtet war. Es war eine Erklärung voller Stolz und das Versprechen, die 2,5 Millionen verstreut lebenden Bewohner eines riesigen und noch unerschlossenen Kontinents unter einem Dach zu vereinen. Und es hat funktioniert – der Declaration of Independence folgte eine Verfassung, eine Nation und eine Weltmacht.

Der Weg der Vereinigten Staaten durch die Jahrhunderte begann mit Änderungen am Gründungsdokument und Kontroversen über dessen Auslegung, die ihre Politik bis heute prägen sollten. Thomas Jefferson, obwohl selbst ein Sklavenhalter, war bereits unzufrieden mit den Änderungen, die der Zweite Kontinentalkongress an seinem Entwurf hinsichtlich der Sklavenfrage vorgenommen hatte. Was wäre geschehen, wenn die Delegierten aus den Südstaaten im Kongress sich nicht gegen den ursprünglichen Absatz gewehrt hätten, der Georg III. für die Institution der „menschlichen Knechtschaft“ verantwortlich machen wollte. Wie wäre die Geschiche verlaufen, wenn die Delegierten das Thema Sklaverei in dem Dokument nicht ausgeklammert, sondern die Institution selbst abgeschafft hätten?

Für die Historikerin Jill Lepore „markierte die Streichung (des Absatzes) den Beginn jahrhundertelanger politischer Versuche, so zu tun, als hätte es die Sklaverei nie gegeben“. Und tatsächlich lässt sich leicht eine Verbindung zwischen dieser Auslassung und Frederick Douglas’ bitterer Frage aus dem Jahr 1852 herstellen: „Was bedeutet der 4. Juli für den Sklaven?“ Oder zu der Enttäuschung schwarzer Piloten, die nach ihrer Rückkehr in die Südstaaten wieder hinten im Bus sitzen mussten, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg für die Vereinigten Staaten gekämpft hatten. Oder zu James Baldwins Appell an seine weißen amerikanischen Mitbürger, sich mit der Geschichte der Rassenfrage auseinanderzusetzen. „Es ist die Unschuld, die das Verbrechen ausmacht“, schrieb er 1963.

Diese Linie lässt sich bis zur jüngsten Aushöhlung der DEI-Programme durch die Trump-Regierung und zur Entlassung schwarzer Generäle durch ihren offen rassistischen Kriegsminister Pete Hegseth verfolgen. Oder bis zur Aushöhlung des fortschrittlichen Wahlrechtsgesetzes von 1965 durch einen ultrakonservativen Obersten Gerichtshof im April dieses Jahres. Die 250-jährige Geschichte der „Erbsünde“ in der amerikanischen Politik liest sich wie eine Abfolge von Auslassung, Widerstand, Leugnung, Fortschritt und backlash.

Man kann diesen „Ausdruck des amerikanischen Geistes“, wie Jefferson die Unabhängigkeitserklärung verstand, auch betrachten, indem man die Umstände ihrer Jubiläen nachzeichnet. 50 Jahre später waren die Feierlichkeiten geprägt von einem neuem Selbstbewusstsein, nachdem man die Briten endlich militärisch geschlagen hatte; aber auch von einer seltsamen Tragödie, als zwei Gründerväter und politische Gegner, Thomas Jefferson und John Adams, beide genau am 4. Juli 1826 starben.

Die Hundertjahrfeier wurde dann im Nachgang eines Bürgerkriegs gefeiert, in dem 700.000 Amerikaner ums Leben gekommen waren, weil das Recht auf Sezession, der Ursprung der Deklaration, von den Staaten der Konföderation für sich beansprucht und gegen deren Grundprinzipien der Freiheit und Gleichheit gewendet worden war. Später fasste Präsident Abraham Lincoln die Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung und die Lehren aus dem Bürgerkrieg in dem berühmten Satz seiner Gettysburg-Rede zusammen: „Eine Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk“. Aber politisch wurde das Jubiläum von 1876 von einem neuen Streit zwischen Konföderierten und Republikanern über die Bedingungen des Wiederaufbaus, der Zeit der reconstruction, überschattet. Von „Einheit“ war nach 100 Jahren der sogenannten Vereinigten Staaten nicht viel zu sehen.

Dennoch könnte man argumentieren, dass die Unabhängigkeitserklärung nach einem Jahrhundert ihren Zweck erfüllt hatte, da der Aufstand gegen die britische Herrschaft erfolgreich war, der Bürgerkrieg überwunden und die Sklaverei abgeschafft worden war. Und wie die Festtagsreden im Laufe der Jahre zeigen, gab es immer genug zu feiern und genug zu beklagen, um das amerikanische „Experiment“ mit patriotischem Elan fortzusetzen.

Es waren noch zehn Jahre bis zum 200-jährigen Jubiläum, als der Kampf um die politische Instrumentalisierung der Feierlichkeiten und die Interpretation der amerikanischen Geschichte von Neuem begann. Präsident Lyndon B. Johnson wollte daraus ein Schaufenster für seine „Great Society“ machen, mit dem Wahlrechtsgesetz von 1965 und anderer Maßnahmen zur Förderung der sozialen Gleichheit. Als jedoch Richard Nixon bei der Wahl 1968 seine  Nachfolge antrat, wollte dieser stattdessen der Welt die Größe Amerikas zu demonstrieren, mit einer Zweihundertjahrfeier im Zeichen von „Selbstverherrlichung und falschem Patriotismus“, wie ihm das sein demokratischer Gegner George McGovern vorwarf.

Doch Nixons erzwungener Rücktritt nach dem Watergate-Skandal setzte diesen Plänen 1974 ein Ende. Was folgte, waren zwei Jahre, in denen der US-Kongress Mittel für verschiedene Kunstwerke, für politische Bildung und historische Stätten bereitstellte – von denen einige nun von der Trump-Regierung gekürzt werden. Dies nahm etwas Druck aus dem Kessel der Konflikte rund um das Ereignis.

Doch trotz all der grellen, aber beliebten Rituale und kitschigen Zurschaustellung einer hyperkommerzialisierten Gesellschaft, die sich am 4. Juli 1976 mit Begeisterung feierte, zeigte die Zweihundertjahrfeier nach den Katastrophen von Vietnam und Watergate auch die Narben und Risse in der amerikanischen Gesellschaft auf. Die Kluft zwischen Versprechen und Realität, durch die Reformen zur Gleichberechtigung in den 60er Jahren verringert, hatte sich wieder geweitet. Das Gedenken an die Vergangenheit, so zeigen all diese Jahrestage, ist nicht einfach, da die Feierlichkeiten regelmäßig von den Widersprüchen zwischen den Gründungsprinzipien und ihrem aktuellen Verrat in den Schatten gestellt werden.

Seit 1976 konkurrieren drei Sichtweisen auf die amerikanische Geschichte um Aufmerksamkeit, welche die politischen Entwicklungen seitdem widerspiegeln, wie Yony Applebaum in „The Atlantic“ schreibt. Da gab es die alte „Konsensschule“, die während des Kalten Krieges akademisch von den Kindern jüdischer Einwanderer geprägt wurde, mit einer überaus positiven Sichtweise auf das Land als sicheren Hafen für viele und als Schmelztiegel verschiedener Kulturen.

Es folgte eine Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Frauenbewegung und dem Kreis von Minderheiten, die ihre vergessenen Erfahrungen in das analytische Tableau und die Geschichte der Nation einbringen wollten. Sie interessierten sich mehr für die Geschichte von Klasse, Geschlecht und Identität als für das umfassendere und manchmal imaginäre Amerika. Doch was in den 60er- und 70er-Jahren als notwendige und berechtigte Ergänzung zur etablierten Erzählung der Nationalgeschichte begann, verwandelte sich in ein einseitiges, in Teilen illiberales Unterfangen, das die Nation grundsätzlich herabwürdigte und jede Form von Patriotismus verurteilte. Indem die Sünden des Landes gegenüber seinen Errungenschaften allzusehr betont wurden, löste dies die kulturkämpferische Gegenreaktion aus, die wir seit einem Jahrzehnt erleben.

Amerikas unsteter Weg durch die Jahrhunderte hatte mit dem exceptionalism der Puritaner und anderer religiöser Flüchtlinge aus Europa begonnen. Er setzte sich fort mit dem anmaßenden Traum der Gründerväter, dass ihre Unabhängigkeitserklärung nicht nur den Kolonisten, sondern früher oder später auch der ganzen Welt Freiheit bringen könnte. Dies war eine Fehlinterpretation des historischen Kontextes der Amerikanischen Revolution und eine Überschätzung der Rolle und Bestimmung der Vereinigten Staaten, die zur vorherrschenden Haltung amerikanischer Außenpolitik wurde.

Denn in der globalen Realität der 1770er Jahre waren es weniger die Ideen, die eine Gruppe gebildeter Landbesitzer in Philadelphia ausheckte, als vielmehr die wirtschaftliche Lage im Britischen Empire, die den Konflikt mit den Kolonisten prägte. Die Amerikanische Revolution war lediglich eine Nebenbühne des imperiumweiten Machtkampfs zwischen der Karibik und Indien, nicht dessen Hauptschauplatz, wie Daniel Immerwahr es im „New Yorker“ beschreibt. „Im globalen Kontext erscheinen die Gründerväter nicht als die Elenden der Erde, sondern als die glücklichen Söhne Großbritanniens, denen es ab einem bestimmten Zeitpunkt vorteilhafter erschien, Söhne der Freiheit zu werden.“

Tatsächlich wirken die 27 in der Unabhängigkeitserklärung aufgeführten „Beschwerden“ im Vergleich zu den Aufstandsversuchen gegen die rücksichtslosen Plantagenbesitzer in Jamaika und zu der brutalen Ausbeutung durch die Ostindien-Kompanie eher wie harmlose Klagen. Oder mit den Worten von Hannah Arendt: Die Revolution in Frankreich „schrieb Weltgeschichte“, während die amerikanische „kaum mehr als lokale Bedeutung“ hatte. Man könnte sogar argumentieren, dass die Niederlage in Amerika Großbritannien den Rücken frei machte, sein Imperium andernorts zu stärken.

Doch der Exzeptionalismus, das Selbstbewusstsein und die Selbstherrlichkeit blieben bestehen – für kommende gute und schlechte Kriege. Heute hat sich diese Selbstbezogenheit in Donald Trumps „hyperamerikanischen Ansatz“ verwandelt, wie der Historiker Johann Neem dies nennt: „Leben“ in einem darwinistischen System, „Freiheit“ für einige wenige Auserwählte (und Korrupte) und „das Streben nach Glück“ als Nullsummenspiel. Es ist eine erzählte Geschichte, die zwar den Vorzug der Einfachheit besitzt, aber voller Lügen und Falschheiten ist, und die selbst heute höchstens die Unterstützung von einem Drittel der Bevölkerung genießt.

Die Trump-Jahre haben gezeigt, dass die Trennung von Staat und Religion, wie sie von den Gründervätern beabsichtigt war, die Religion nicht aus der Politik verbannt hat; dass das Ausklammern der Rassenfrage in der Unabhängigkeitserklärung nach wie vor politische Nachwirkungen hat; und dass das Versprechen, alle Menschen seien „gleich geschaffen“, von den neuen Propheten der Ungleichheit aus dem Silicon Valley lächerlich gemacht werden kann. Es war Trumps Genialität, die dunklen Stränge der amerikanischen Vergangenheit wiederzubeleben: ihren Anti-Intellektualismus und Anti-Egalitarismus, ihre Schwäche für Korruption und ihre leichtfertige Akzeptanz von Gewalt – alles basierend auf einer einzigartigen Mischung aus sorgfältig gepflegten Mythen und echtem Wettbewerbsgeist.

In den letzten 250 Jahren wurden die Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung oftmals verraten, und der Widerspruch zwischen Versprechen und Realität hat den Weg des Landes stets begleitet. Doch zumindest in unserer Lebenszeit wurden ihre Werte noch nie in einem solchen Ausmaß verdreht, noch hat sich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichheit so stark verbreitert wie in den letzten 17 Monaten.

Von Beginn an waren die Vereinigten Staaten ein zerstrittenes und zeitweise stark polarisiertes Land auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte. Doch zum 250-jährigen Jubiläum, fragen sich einige Beobachter erstmals, ob die Bürger die Suche nach einer solchen gemeinsamen Geschichte nicht aufgegeben haben, und ob diese überhaupt noch einmal wiederhergestellt werden kann. Mit Donald Trump, den „No Kings“-Demonstrationen und nach 250 Jahren einer grandiosen, aber auch turbulenten Geschichte stehen die Vereinigten Staaten erneut vor der Grundsatzfrage, die dem Mitbegründer Benjamin Franklin 1787 gestellt wurde: „Nun, Doktor, was haben wir denn?“ Die richtige Antwort scheint damals wie heute zu lauten: „Eine Republik – wenn ihr sie bewahren könnt.“ 

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