„Fantasyland“ – oder zwei großspurige Reden und ein verantwortungsloser Krieg

In zwei kürzlich gehaltenen Reden haben der US-Präsident und sein Außenminister die Konturen des „Fantasylands“ skizziert, zu dem Amerika geworden ist. In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress hat Donald Trump eher seinen Besorgnis erregenden Geisteszustand beschrieben als die tatsächliche Situation im Land. Und knapp zwei Wochen zuvor stellte Marco Rubio vor dem internationalen Publikum der Münchner Sicherheitskonferenz außenpolitische Ziele Amerikas dar, die eher dem Wunschdenken der MAGA-Anhänger entsprachen als einer geopolitischen Strategie für eine sich auflösende Weltordnung. All dem folgt nun der Krieg gegen den Iran, die “Mutter aller Phantasien.” Da sich Trump’s zweite Amtszeit rasch ihrer Selbstzerstörung nähert, stellen sich für das heimische und das internationale Publikum dieselben Fragen: Welches Amerika ist das echte Amerika – und wie soll man nach Donalds Abgang damit umgehen?

Zunächst Trumps Ansprache an die Nation. Seine 108-minütige Flucht in Fantasmen wurde von einer Schar von Faktencheckern analysiert und ihrer Lügen und Wunschvorstellungen entlarvt. Die Gas- und Lebensmittelpreise sind eben nicht gesunken, die Inflation geht nicht zurück, der Arbeitsmarkt ist zwar stabil, für Hochschulabsolventen bricht er jedoch ein. Die Zahl der illegalen Grenzübertritte ist zurückgegangen, aber legale Einwanderer in den Innenstädten Amerikas müssen nun um ihr Leben fürchten. Und die Einnahmen aus Zöllen werden niemals die Einkommenssteuern ersetzen, wie versprochen.

Mittlerweile erkennen immer mehr Menschen die Realität hinter den Lügen, auch ohne seine Rede gehört oder die anschließende Faktenprüfung gelesen zu haben. Trumps Zustimmungswerte sind zum ersten Mal unter die 40 %-Marke gefallen, weil die Menschen schockiert waren, als sie die Morde an amerikanischen Bürgern durch seine brutalen Anti-Einwanderungs-Trupps sahen; und weil sie sich eben nicht in dem von Donald Trump ausgerufenen „goldenen Zeitalter” wiederfinden, wenn sie beim Einkauf feststellen, dass seine Zölle die Preise für ihre Lebensmittel nicht gesenkt haben.

Trump steckt in Schwierigkeiten. Der Oberste Gerichtshof hat den Großteil seiner Zölle für unzulässig erklärt. Der künftige Vorsitzende der US-Notenbank klingt in Bezug auf die Geldpolitik kämpferischer, als der Präsident gehofft hatte. Und die ersten republikanischen Kongressabgeordneten sind bereit, das sinkende Schiff seiner Präsidentschaft zu verlassen – ein Vorzeichen dafür, was passieren wird, wenn die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November die Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen und möglicherweise sogar im Senat ein Patt erreichen.

Um jedoch den Puls Amerikas an diesem Wendepunkt der Präsidentschaft zu fühlen, sollte man nicht die Leichtgläubigkeit seiner Wähler und die Passivität der Politiker und Fachleute innerhalb der Institutionen des Landes vergessen, die es Donald Trump ermöglichten, jene mächtige Position zu usurpieren und zu missbrauchen, die er nun durch seinen eigenen Realitätsverlust zu zerstören beginnt. Im Laufe seiner Geschichte war Amerika immer wieder anfällig für Irrtümer und Wunschvorstellungen, bevor es dann reumütig zum Realismus zurückkehrte. Es ist ein Land, in dem Schlangenölverkäufer oft Erfolg hatten, bevor sich wieder ein puritanischer Pragmatismus durchsetzte.

Auf jeden Fall wird die Rückkehr aus dem „Fantasyland“ des Trumpismus zu einer Art Wahrhaftigkeit ein beschwerlicher Weg. Wann wird eine beträchtliche Anzahl seiner Wähler das „Team Trump“ verlassen, dem sie sich seit einem Jahrzehnt verschrieben haben? Betrachtet man die jüngsten Nachwahlen in Texas und Michigan, werden genug von ihnen bei den Wahlen im November zu Hause bleiben, um zumindest im Repräsentantenhaus eine bedeutende Verschiebung hin zu einer demokratischen Mehrheit zu bewirken.

Was werden die republikanischen Kongressabgeordneten und seine Hardcore-Anhänger in der MAGA-Bewegung tun, wenn sich das Blatt wendet? Die meisten Members of Congress, die im November zur Wiederwahl stehen, werden Trump vorerst die Treue halten, weil er ihnen damit droht, bei den republikanischen Vorwahlen die Kandidatur eines loyalen Rivalen zu finanzieren. Die anderen Republikaner im Senat werden seltsam still bleiben, während sie ihre Positionierung für den Wahlkampf 2028 vorbereiten: dass sie nämlich die Torheiten von Donald Trump nie wirklich unterstützt haben.

Schon vor den Bombenangriffen auf Teheran hatten einige überzeugte MAGA-Anhänger und Kommentatoren wie Christopher Rufo und Ben Shapiro begonnen, sich von Trumps innenpolitischer Rhetorik und seinen Handlungen zu distanzieren. Wie die rechte Blogosphäre aussehen wird und wohin sich der amerikanische Konservatismus entwickelt, nachdem Trump 2027 zu einem “lahmen” Präsidenten geworden ist und 2028 abgetreten ist, bleibt eine interessante, aber offene Frage.

Und wie gut sind die Demokraten im Kongress und in der Zivilgesellschaft darauf vorbereitet, die institutionellen Trümmer seiner beispiellosen Zerstörung aufzulesen? Der Widerstand der Basis in Minneapolis und anderen Städten gegen die gewaltsamen Razzien der Einwanderungsbehörde ICE war beeindruckend und hat Aktivisten der Zivilgesellschaft im ganzen Land Mut gemacht. Aber die Reaktion der führenden Demokraten und der Parteibürokratie auf die Rede zur Lage der Nation war so unkoordiniert wie eh und je.

Der derzeit „führende“ Präsidentschaftskandidat der Demokraten, der Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, scheint mehr an seiner Selbstdarstellung als am Schicksal der amerikanischen Arbeiterklasse interessiert zu sein. Trotz seiner unbestreitbaren politischen Fähigkeiten wäre er ein ungeeigneter Kandidat für die Demokraten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen. Ein weiterer Kalifornier aus dem demokratischen Establishment, gewieft und gut frisiert, der sein Vermögen dank der Verbindungen seines Vaters zur Familie Getty angehäuft hat, wäre eine willkommene Hassfigur für die anti-elitäre republikanische Rechte und selbst für unabhängige Wähler oder gemäßigte Republikaner im amerikanischen heartland kaum wählbar.

Und dann gibt es noch die demokratische Linke, die immer noch glaubt, dass die Partei mit einem „sozialistisch“ anmutenden Programm, das kürzlich Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York katapultiert hat, auch nationale Wahlen gewinnen kann. In den letzten Wochen und Monaten gab es bemerkenswert erfolgreiche Wahlkampagnen von lokal verankerten Kandidaten. Dennoch gibt es keine Anzeichen für eine national koordinierte Kampagne der Demokraten, die nach lokal akzeptablen Kandidaten sucht und deren Botschaft auf den jeweiligen Ort zuschneidet. Trotz der schwindenden Popularität von Donald Trump im Inland dürfte das „wahre“ Amerika immer noch konservativer sein, als die meisten Demokraten dies wahrhaben wollen.

Zweitens: Marco Rubios Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Es war wahrscheinlich die imperialistischste und revisionistischste Rede eines Außenministers in der jüngeren Geschichte Amerikas, verpackt in zivilisatorische Rhetorik über ein gemeinsames Erbe Amerika’s und Europas. Damit hat das Außenministerium die Grundsätze der MAGA-Bewegung zur US-Außenpolitik erhoben und sich einer Art historischem Revisionismus angenähert, wie er von Wladimir Putin in der Ukraine in eine mörderische Praxis umgesetzt wird. Zumindest scheinen beide Männer die Erzählung von einem „woke“-verdorbenen Europa zu teilen, dem man Lektionen in Nativismus und Nationalismus erteilen muss. Rubios Rede war von einem zivilisatorischen Denken geprägt, wie es bisher nur in Ländern wie China, Indien, Israel und Ungarn vorherrscht. Es ersetzt die Ideen der Aufklärung durch die Glaubenssätze des Christentums.

Marco Rubios Münchner Rede markierte aber auch den Höhepunkt seines grenzenlosen Opportunismus. Als er 2016 in den Vorwahlen gegen Trump antrat, bezeichnete er den späteren Präsidenten als „Betrüger”, plauderte danach aber hinter den Kulissen mit Donald. Als US-Senator setzte er sich für Hilfszahlungen an arme Länder ein, als Außenminister zerstörte er dann die gesamte Arbeit der Entwicklungsagentur USAID, was im sogenannten “Süden” zum Tod vieler Menschen führte. Vor Viktor Urbans Besuch im Weißen Haus im Jahr 2019 äußerte Rubio seine „Besorgnis über den demokratischen Niedergang Ungarns und die Auswirkungen auf die Interessen der USA in Mitteleuropa” – ehe er dann im Februar 2026 direkt von München nach Budapest flog, um die Wiederwahl des ungarischen Premierministers sicherzustellen, der versucht, die EU von innen heraus zu zerstören.

Wenn man Dexter Filkins' ausführliches Porträt von Marco Rubio im New Yorker liest, begegnet man einem Politiker, dessen Doppelzüngigkeit ihm gute Dienste geleistet hat, vom Repräsentantenhaus in Florida über den US-Senat bis hin zu seiner gegenwärtigen Doppelrolle als Außenminister und nationaler Sicherheitsberater. Dabei hat er viele Menschen im Stich gelassen. Das Einzige, woran der Sohn eines kubanischen Barkeepers und einer Haushälterin wirklich glaubt, ist die rechtmäßige Vorherrschaft Amerikas in der westlichen Hemisphäre, einschließlich eines Regimewechsels in Kuba, aus dem seine Eltern fliehen mussten, als „der kleine Marco“ vier Jahre alt war. Kurzum, Rubios Botschaft aus München an die Welt war ein Versuch, sich beim Präsidenten beliebt zu machen - und sich auf den langen Weg ins Weiße Haus aufzumachen.

Aber wo ordnen wir seine Überlegungen im Kontext der schwankenden Stimmung Amerikas zwischen traditionellem Isolationismus und imperialistischen Eskapaden ein? Nun, der abschätzige Blick auf ein undankbares, heruntergekommenes, dekadentes Europas ist unter konservativen Kommentatoren – sogar unter einigen liberalen – ebenso beliebt wie in der breiten Bevölkerung. „Wir haben sie befreit und ihnen nach dem Krieg geholfen, aber jetzt benehmen sich diese hinterhältigen, schmarotzenden (West-)Europäer wie fehlgeleitete Teenager, denen wir wieder unsere Sitten und Werte beibringen müssen“, um diese Denkweise zu paraphrasieren.

Diese Haltung gegenüber der „alten Welt“ begann mit der berechtigten Verärgerung darüber, für die Sicherheit Europas bezahlen zu müssen. Später verwandelten Amerikas Kulturkrieger dies jedoch in eine Geschichte von der moralischen Überlegenheit Amerikas und dem säkularen Niedergang Europas. Aus dieser Sicht ist moralischer Verfall kein allgemeines oder globales Phänomen, sondern hat vor allem die europäischen Gesellschaften erfasst. Die neue Kluft, die die transatlantische Brücke ersetzt hat, verläuft zwischen einem Europa, das hilflos an der institutionalisierten und regulierten Welt der Vergangenheit festhält, und einem dynamischen Amerika, das den darwinistischen Reflexen des Tyrannen im Weißen Haus folgt.

Doch die kulturell definierte Gegenüberstellung von alter und neuer Welt sollte die politische Klasse und die Öffentlichkeit Europas nicht in die Irre führen. Denn sie verschleiert nur das vorrangige wirtschaftliche Interesse Amerikas, jeden politischen Versuch zu unterbinden, die Dominanz seiner Technologieindustrie - und damit die globale Macht der USA - einzudämmen.

Die Demokraten im Kongress haben zu diesen außenpolitischen Themen bisher keine klaren und überzeugenden Alternativen vorgelegt, sei es in Bezug auf Europa, Venezuela, Iran oder Fragen der Deregulierung. Keiner der Demokraten auf der Münchner Sicherheitskonferenz konnte schlüssige Antworten auf Trumps und Rubios sich ständig ändernde Versionen von „America First“ geben. Daher sollten die europäischen Staats- und Regierungschefs nach einem Wechsel im US-Kongress oder sogar unter einem demokratischen Präsidenten keine großen Veränderungen in der US-Außenpolitik erwarten. Denn jede neue Regierung wird sich weiterhin mit einer übermächtigen Tech-Industrie und einer von der Welt enttäuschten amerikanischen Öffentlichkeit auseinandersetzen müssen.

Drittens: Der Krieg gegen den Iran, die Mutter aller Phantasien. Innerhalb weniger Stunden hat Präsident Trump die Begründung für dieses militärische Abenteuer mehrfach geändert. Zunächst sollte es nur von kurzer Dauer sein, dann konnte es auch Wochen dauern. Nicht viel später schlug er das venezolanische Szenario vor, bei dem nur die oberste Führungsebene ersetzt worden war. Danach ging es weiter mit einem – möglicherweise – vollständigen Regimewechsel, bei dem nicht einmal der von vielen gefürchtete Einsatz von „Bodentruppen“ ausgeschlossen wurde, um das iranische Volk zu befreien. Angesteckt vom Größenwahn des Präsidenten scheint die Trump-Administration den Faden zwischen Krieg und Frieden verloren zu haben. Unterdessen versuchte Marco Rubio der Welt die Gründe für den „präventiven” Charakter des Angriffs zu erklären, indem er sagte, die “Prävention” sei gegen die zu erwartenden iranische Angriffe nötig geworden, nachdem Israel mit seiner überraschenden Bombardierung Teherans Amerika unter Handlungszwang gesetzt habe. Was für eine Supermacht ist das denn?

Die meisten Beobachter in den USA sind sich einig, dass dies eines der größten Risiken ist, das ein US-Präsident eingegangen ist, seit Jimmy Carters tragischem Scheitern bei der Befreiung der 52 US-Bürger, die während der Geiselkrise von 1979 und 1980 von Khomeinis Milizen als Geiseln genommen worden waren. Trump hat den angeblich „präventiven” Angriff gegen Iran ohne Erklärung in seiner Rede zur Lage der Nation, ohne die verfassungsrechtlich erforderliche Genehmigung durch den Kongress und gegen den Willen von drei Vierteln der US-Wählerschaft gestartet. Selbst eine klare Mehrheit der republikanischen Wähler war gegen die Bombardierung Teherans, um einen Regimewechsel zu einzuleiten.

Auch hierzu haben die Demokraten im Kongress noch Schwierigkeiten, ihre Position zu finden. Sie protestieren zu Recht dagegen, dass sie bei der Entscheidungsfindung über Krieg und Frieden übergangen wurden. Aber sie zögern nun ebenso wie die europäischen Staats- und Regierungschefs, die Militäraktion gegen islamistische Regime in Teheran offen zu kritisieren. Es ist für alle ein schwieriges Thema.

Dagegen kritisieren die meisten Führer der MAGA-Bewegung die Militärschläge und das Gerede über regime change, weil diese erneute “ausländische Verstrickung”  dem grundsätzlichen Versprechen des America First widerspricht. Der ermordete konservative Podcaster Charlie Kirk hatte sich oft gegen einen Krieg gegen den Iran ausgesprochen. Die ehemalige MAGA-Kongressabgeordnete Majorie Taylor Greene bezeichnet Trump nun als Verräter ihrer rechten Sache. Der prominente konservative Kommentator Tucker Carlson hat die Angriffe auf den Iran „absolut widerwärtig und böse“ genannt. Und Vizepräsident J.D. Vance, der sich einst als „Skeptiker gegenüber militärischen Interventionen im Ausland“ hervortat, ist seltsam still geworden. Mit der „Operation Epic Fury“ hat sich Donald Trump gegen seine rechts-konservative Basis im eigenen Land gestellt.

Während George W. Bush sein Irak-Kriegsabenteuer auf einem nationalen Konsens aufbauen konnte, setzt Trump auf einen unblutigen Krieg, der bald vorüber und vergessen sein wird; oder er muss den autoritären Weg gehen, um seine Kritiker im Inland zum Schweigen zu bringen. Und genau das befürchten liberale Kommentatoren, denn eine solche, nicht autorisierte Kriegserklärung könnte den Präsidenten dazu ermutigen, ähnlich autokratische Mittel in der Innenpolitik einzusetzen, wo er derzeit feststeckt. „Wenn seine Fantasien zerplatzen”, schreibt David Frum in The Atlantic, „hat Trump die Angewohnheit, seine Macht zu missbrauchen, um einer unkooperativen Welt seinen Willen aufzuzwingen”.

Mit zwei großspurigen Reden und dem verantwortungslosen Krieg gegen den Iran ist Amerika unter Donald Trump schließlich in einem lang angelegten „Fantasyland” (Kurt Andersen) angekommen. Und ganz gleich, ob der nächste Präsident Marco Rubio, J.D. Vance, Gary Newsom oder jemand anderes sein wird, der Weg zurück in die innen- und außenpolitische Realität wird schwierig werden. Denn dazu müssten die US-Bürger neu lernen, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden und die techno-autoritäre Virtualität von Trumps phantastischem Königreich zu verlassen, um sich mit den alltäglichen Kosten der Lebenshaltung im Inland und einer neuen multipolaren Welt auseinanderzusetzen. 

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