Keine Könige! Aber was für Kandiaten?
Den US-Demokraten läuft die Zeit davon. Vor einem Jahr hat die Partei zum zweiten Mal die Präsidentschaft an Donald Trump verloren. Am 4. November müssen die Demokraten nun einige wichtige Gouverneurs- und Bürgermeisterwahlen deutlich gewinnen, um politisch wieder Tritt zu fassen. Im November 2026 müssen sie mindestens das Repräsentantenhaus zurückerobern, um den faktischen Einparteienstaat aufzubrechen, zu dem die USA unter Donald Trump geworden sind. Und spätestens 2028 brauchen sie eine Präsidentschaftskandidatin oder einen -kandidaten, der übernehmen kann, was bis dahin noch von der amerikanischen Demokratie übrig ist. Blickt man jedoch auf den gegenwärtigen Zustand der Demokratischen Partei, würde man all das kaum vermuten.
Zwar gab es am 18. Oktober die großen „No Kings!“-Demonstrationen, bei denen zwischen vier und sieben Millionen Menschen an 2.650 Orten im ganzen Land friedlich protestierten. Doch diese Massenkundgebungen waren vor allem eine Wiederholung ähnlicher Proteste im April und Juni – eindrucksvoll, patriotisch, gut gelaunt. Oder, wie ein zynischer Beobachter meinte: „Große Anti-Trump-Demos, an denen ausschließlich Hörer von National Public Radio in demokratisch wählenden Städten teilnehmen, beeindrucken kaum Wähler auf dem Land.“ Tatsächlich zeigten sich auf den Protestzügen kaum neue Gesichter – keine Reumütigen unter früheren Trump-Wählern, keine Rückkehrer aus der politischen Apathie. Die Demonstrationen stärkten vor allem Anhänger im eigenen Lager. Doch jene Wählerinnen und Wähler, die die Demokraten dringend brauchen, um wieder Boden zu gewinnen, müssen erst noch überzeugt werden, für die Opposition zu stimmen.
Nur warum, nach all den dramatischen, gefährlichen, skandalösen, schädlichen, illegalen, rachsüchtigen, gemeinen und demokratiefeindlichen Aktionen, die die Trump-Administration im vergangenen Jahr entfesselt hat, ist das so? Weil die Demokratische Partei noch immer im Schockzustand verharrt – und wenig Anzeichen zeigt, sich neu zu erfinden. Doch es gibt zumindest erste Lebenszeichen: Zwei vielversprechende Kandidatinnen treten in New Jersey und Virginia für das Gouverneursamt an, und mit Zohran Mamdani mischt in New York ein junger Aufsteiger das Bürgermeisterrennen auf.
Abigail Spanberger in Virginia und Mikie Sherrill in New Jersey sitzen seit 2018 im Repräsentantenhaus, wo sie sich als moderate Stimmen etabliert haben. Beide bringen sicherheitspolitische Erfahrung mit – Spanberger als frühere CIA-Offizierin, Sherrill als Hubschrauberpilotin der Marine. Die Financial Times nennt sie „kämpferische Zentristinnen“. Begriffe wie „defund the police“ oder „democratic socialism“ kommen ihnen nicht über die Lippen. Gemeinsam mit zwei weiteren Abgeordneten bilden sie das sogenannte „mod squad“ – als moderates Gegenstück zum bekannten „Squad“ der vier progressiven Kongressabgeordneten, die auf nahezu allen linken Themenfeldern aktiv sind, von LGBTQ bis Gaza.
Doch wenn Spanberger und Sherrill in Bürgerversammlungen gefragt werden, ob Transgender-Mädchen im Frauensport antreten sollten, geraten sie ins Stocken. Sie wollen niemanden vor den Kopf stoßen – und schon gar keinen Shitstorm vom linken Flügel ihrer Partei riskieren. Dennoch: Durch Elon Musks DOGE-Operation, in deren Rahmen zahlreiche Bundesangestellte in Virginia entlassen wurden, und nach Donald Trumps Entscheidung, ein Pendler-Tunnelprojekt in New Jersey zu stoppen, stehen ihre Wahlchancen nicht schlecht.
Und dann ist da noch Zohran Mamdani, 34 Jahre alt, in Uganda geboren, muslimisch, Sohn prominenter ugandisch-indischer Eltern – und der Shootingstar der New Yorker Demokraten. Aus dem Nichts gewann er die Vorwahlen gegen zwei kompromittierte Parteifreunde. Der Abgeordnete aus Queens verkörpert alles, was die Demokraten bei der letzten Wahl nicht bieten konnten: Er begeistert junge und neue Wähler, kommuniziert authentisch, wirkt dynamisch, risikofreudig, optimistisch – und spricht Themen an, die Menschen in seiner teuren Stadt unmittelbar betreffen: Mieten und Kinderbetreuung, die sich die Leute nicht mehr leisten können.
Mamdani bezeichnet sich offen als „demokratischen Sozialisten“. Er fordert einen Mietpreisstopp, kostenlose Kinderbetreuung, Gratis-Busse, Steuererhöhungen für Reiche und städtische Lebensmittelmärkte für Arme. Und er wagt es, sich in einer Stadt, die zu zwölf Prozent muslimisch und zu zwanzig Prozent jüdisch ist, offen für die Palästinenser einzusetzen. Seine TikTok-Videos, in denen er Menschen aus allen Milieus auf der Straße trifft, sind längst legendär. Selbst demokratische Parteistrategen loben seine Kampagne als vorbildlich; seine Gegner erkennen neidisch ihre Wirkung an.
Mit fast zehn Prozent Vorsprung in den Umfragen dürfte der charismatische und unermüdliche Mamdani bald Bürgermeister der größten US-Stadt werden – mit fast 300.000 Beschäftigten und einem Haushalt von 115 Milliarden Dollar. Und das ganz ohne Verwaltungserfahrung. Er ist der Liebling der progressiven Demokraten, die seinen Sieg als Beweis dafür ansehen, dass sich die Partei nach links bewegen muss, will sie Erfolg haben. Für Donald Trump und die Republikaner bietet Mamdani dagegen ein willkommenes Feindbild – als „100 Prozent kommunistischer Spinner“, wie Trump ihn nannte.
Die Gouverneurs- und Bürgermeisterwahlen am 4. November werden den Enthusiasmus in der MAGA-Wählerschaft testen: derer die 2016 und 2024 erstmalig gewählt haben und derer, die von den Demokraten einfach nur enttäuscht waren. Aber sie sind vor allem ein Test für die Demokratische brand oder Marke. Entscheidend wird sein, wie die Partei die Ergebnisse interpretiert. Denn angesichts der Führungsschwäche droht sie, in alte Grabenkämpfe zurückzufallen: zwischen jenen, die auf Kandidaten mit moderaten Positionen zu Einwanderung, Sicherheit und Abtreibung setzen, und jenen, die progressive Repräsentanten mit einer linken Sozial-und Wirtschaftspolitik bevorzugen. Als könne nur einer dieser Wege zum Erfolg führen.
Doch bisher waren weder strategische Planung noch professionelle Kandidatenförderung der Grund für die jüngsten Lichtblicke. Im Gegenteil: Mamdanis Kandidatur wurde von der überalterten Parteielite anfangs mit allen Mitteln bekämpft – einem Establishment, das von Milliardären, Lobbyisten und einer Armee selbstverliebter Berater geprägt ist und mit den Wählern von oben herab über veraltete Medienkanäle kommuniziert.
Noch immer wird das Bild der Partei von den Clintons und Obamas geprägt – und von einer Kongressführung, deren risikoscheue Kultur und austauschbare Talking Points in der von Donald Trump vorbildlich gepflegten Aufmerksamkeitsökonomie völlig fehl am Platz sind. Und dann ist da noch die Verliererin Kamala Harris, deren selbstgerechte Memoiren sowie ihr Ausloten einer erneuten Präsidentschaftskandidatur 2028 der Partei mehr schaden als jeder republikanische Angriff. Mit solchen Führungspersonen braucht man keine politischen Gegner mehr.
Die gegenwärtig Führung der Demokraten mit ihren Figuren aus der Vergangenheit hat immer noch nicht verstanden, wie tief die Partei gefallen ist, Donald Trump hin oder her. Die Erosion der Demokratischen Partei begann schon in den 1980er-Jahren, als sie damit begann, ebenso großzügig Spenden von Konzernlobbys anzunehmen wie die Republikaner. In den 1990ern folgten die an der Wahlurne erfolgreichen, aber wirtschaftlichen folgenreichen Clinton-Jahre – Freihandel, Globalisierung, der Verlust von Industriearbeitsplätzen. Dann kam die Finanzkrise 2008. Seither hat sich die soziale Basis beider Parteien verschoben: Heute wählen wohlhabendere Amerikaner mit überdurchschnittlichem Einkommen eher demokratisch. Selbst ein Linker wie Zohran Mamdani bekam in den Vorwahlen mehr Stimmen von reichen als von armen New Yorkern.
Die Republikaner vertreten dagegen inzwischen mehr Wahlkreise, in denen die untere Mittelschicht dominiert, als die Democrats. „Wenn die Demokraten diesen Kurs nicht umkehren“, schreibt der Journalist Brody Mullins in der New York Times, „werden sie bald keine Präsidentschaftswahlen mehr gewinnen können.“ Grund dafür ist das Wahlmänner-System, das ländlichen Regionen mit konservativen Wählern mehr Gewicht verleiht, während sich die wohlhabenderen Wähler der Demokraten in den urbanen Wahlbezirken entlang der Küsten konzentrieren.
Laut einer Gallup-Umfrage vom Juli liegt die Beliebtheit der Demokraten bei nur 34 Prozent – der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebungen 1992. 60 Prozent äußern eine negative Meinung über die Partei, und zwar quer durch alle Alters-, Einkommens- und Bevölkerungsgruppen. Bei Themen wie Wirtschaft, Einwanderung und Kriminalität schneiden die Republikaner deutlich besser ab.
Der Forscher Jared Abbot nennt das den „zweistelligen Demokraten-Malus“: damit meint er den von ihm bemessenen Abstand zwischen den realen Inhalten ihrer Politik und dem negativen Image, das mit der Partei verbunden ist. Vor allem in der Arbeiterschaft des Rostgürtels ist das Image der Partei um rund 10 % schlechter als die Haltung der Wähler zu einzelnen Programmpunkten. Abbot meint damit die Leute, die mir auf meiner Reise immer wieder sagten, sie würden nie mehr für die Demokraten stimmen – egal, was komme.
Wie also könnte die Partei ihr Image ändern – und auf mögliche Erfolge in Virginia, New Jersey und New York aufbauen? Indem die verschiedenen Fraktionen einen Wahlsieg nicht für sich reklamieren, sondern sorgfältig analysieren, warum welche Kandidat(inn)en wo gewonnen haben. Aus Mamdanis besonderer Situation in New York wird sich wenig auf andere Wahlkämpfe übertragen lassen – aber seine meisterhafte Medienstrategie wäre eine Lektion wert.
Adam Jentleson vom neuen Thinktank „Searchlight Institute“ fordert mehr „Heterodoxie“ – mehr Kandidatinnen und Kandidaten, die als politisch unabhängig auftreten und nicht wie Vertreter des demokratischen Apparats. Und wer dabei etwas konservativer klingt, sollte nicht sofort als Verräter abgestempelt werden. Denn nicht alle Republikaner sind Rassisten oder religiöse Fundamentalisten. Viele lehnen zwar Bidens in der Tat fahrlässige Grenzpolitik ab, aber ebenso den Einsatz von Soldaten gegen Migranten in den Städten. Die meisten Langzeit-Umfragen zeigen: Auch republikanische Wähler haben sich über die Jahre in vielen Fragen nach links bewegt – nur eben langsamer als Demokraten. Das Land ist weniger polarisiert, als es scheint.
Für die Demokraten bedeutet das: Authentizität statt Ausweichmanöver. Spanberger und Sherrill sollten sagen können, was sie wirklich über Transgender-Sport denken – statt herumzudrucksen. Das heißt nicht zwingend, dass die Demokraten in konservativen Bezirken jetzt „Pro-Life“-Kandidaten aufstellen sollten. „Trumps Genie besteht darin, die Demokraten in reaktiven Konservatismus zu treiben“, schreibt der Financial Times-Kolumnist Ed Luce. Das Genie der Demokraten müsste darin liegen, ihre Reaktion in etwas Neues und Eigenes zu verwandeln.
Eine funktionierende Parteiführung könnte Orientierung geben, wo die Grenze zwischen politischer Zweckmäßigkeit und moralischer Haltung verläuft. Weniger Ideologie, mehr Pragmatismus – das wäre ein guter Anfang. Denn es kann nicht sein, dass während Donald Trump die Demokratie zerlegt, demokratische Kandidaten Angst haben, pragmatisch, authentisch und streitbar zu sein. Der Late Night Comedian Jon Stewart hat Trumps Erfolg auf den Punkt gebracht: Donald Trump könne “die Stimmung im Raum lesen”. Genau das müssen die Demokraten erst noch lernen – die Stimmung im Raum ihres jeweiligen Wahlbezirks lesen, d.h. die politischen Wirklichkeit wahrzunehmen.
Der fundamentale Denkfehler der Demokraten liegt in der Annahme begründet, es gäbe noch „normale“ politische Spielregeln. Dass man gegen Trump gewinnen könne, ohne eine eigene Erzählung, eine eigene Vision. Die letzten zehn Jahre zeigen das Gegenteil. Die neue Aufmerksamkeitsökonomie, alternative Medien, ökonomische Umbrüche, die neue Klassenstruktur, die Wahlgeografie und die anachronistische Verfassung stehen zunehmend einem “normalen” Machtwechsel im Weg.
Die alte politische Ordnung ist verschwunden, und die „Grand Old Party“ ist über die letzten vierzig Jahren zur MAGA-Bewegung mutiert, die sich nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln bekämpfen lässt. Selbst konservative Intellektuelle wie Bill Kristol oder David Brooks haben dies erkannt – ersterer unterstützt offen den demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani, letzterer schreibt, Amerika brauche eine „Massenbewegung“ und „Gegenkultur“ gegen MAGA. Doch die Demokraten agieren weiter, als wäre das System intakt. Dabei müssten sie seine Reste verteidigen, ohne als Teil des Systems oder des “Establishments” zu erscheinen. Zugegeben, ein schwieriges Unterfangen.
Wer hofft, die Demokratische Partei könne im kommenden Jahr allein mit sorgfältig geprüften Bewerbern in die Zwischenwahlen gewinnen, ist naiv. Und mit Kandidaten aus dem kalifornischen Establishment wie Kamala Harris oder Gary Newsom 2028 in den Präsidentschaftswahl zu ziehen, wäre Selbstmord für eine Partei, die sich bis heute weigert, die neuen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und medialen Realitäten anzuerkennen.
Der 5. November 2025 könnte da ein Anfang sein, WENN…