Rache und Gewalt aus dem Weißen Haus

Fast ein Jahr nach Beginn seiner zweiten Präsidentschaft verströmt Donald Trump Rachsucht und Gewaltfantasien wie ein Verrückter. Indem er dem linksliberalen Filmregisseur Rob Reiner die Schuld an dessen Ermordung zuschreibt und eine Familientragödie in Hollywood zur Selbstverherrlichung missbraucht, hat Trump’s maligner Narzissmus eine neues Niveau erreicht. Doch dieser Vorfall ist nur der jüngste in einer ganzen Reihe moralischer Grenzüberschreitungen, welche die Lust der MAGA-Anhänger an Grausamkeit befeuern – während sich traditionelle Republikaner kaum davon distanzieren. Warum kommt Präsident Trump mit rechtswidrigem Verhalten und einer verrohenden Sprache durch, wie sie noch vor wenigen Jahren in einem demokratischen Umfeld undenkbar schienen? Warum führt seine offenkundige Entgleisung nicht zu offenem Widerstand, spontanen Demonstrationen, neuen Forderungen nach einem Amtsenthebungsverfahren oder einem dramatischen Umschwung in den Umfragen? Warum wirken seine politischen Gegner so ratllos – und warum reagiert der Durchschnittsbürger so apathisch?

Der Mord an dem bekannten und beliebten Filmregisseur Rob Reiner und dessen Ehefrau durch den eigenen, psychisch belasteten Sohn zeigte auf erschreckende Weise, welches Maß an verbaler Gewalt Donald Trump bereit ist zu entfesseln – und wie weit er geht, um Kritiker seiner Politik des Zorns zu diffamieren. Für alle, die Trumps Reaktion auf seiner Plattform Truth Social nicht gelesen haben, lohnt sich ein Blick auf das vollständige Zitat:

„Letzte Nacht ereignete sich etwas sehr Trauriges in Hollywood. Rob Reiner, ein gequälter und mit sich kämpfender, aber einst sehr talentierter Filmregisseur und Comedy-Star, ist zusammen mit seiner Ehefrau Michele verstorben – Berichten zufolge infolge des Zorns, den er bei anderen ausgelöst hat, durch seine massive, unnachgiebige und unheilbare Besessenheit von einer geistig lähmenden Krankheit namens TRUMP-DERANGEMENT-SYNDROM, auch bekannt als TDS. Er war dafür bekannt, Menschen mit seiner wütenden Fixierung auf Präsident Donald J. Trump in den Wahnsinn zu treiben, wobei seine offensichtliche Paranoia neue Höhen erreichte, als die Trump-Regierung alle Ziele und Erwartungen an Größe übertraf und das Goldene Zeitalter Amerikas anbrach – vielleicht wie nie zuvor. Mögen Rob und Michele in Frieden ruhen.“

Dies ist der klare Fall eines offensichtlich entgleisten Menschen, der seinen kultivierten, meinungsstarken und nun toten Gegner als „verrückt“ pathologisiert. Kommentatoren der etablierten Medien sind sich weitgehend einig. „Wir werden von dem widerwärtigsten Menschen geführt, der je das Weiße Haus bewohnt hat“, schreibt Bret Stephens in der New York Times. Und New Yorker-Chefredakteur David Remnick fragt seine Leser: „Kennen Sie jemanden, der auch nur annähernd so bösartig ist? An Ihrem Arbeitsplatz? Auf Ihrem Campus? Einen Kollegen? Einen Lehrer? … Sind Sie jemals in Ihrem Leben einer so erbärmlichen Figur wie Donald Trump begegnet?“

Dabei konnte man es kommen sehen. Trumps Litanei abwertender Aussagen über Frauen, Soldaten und Journalisten ist lang. Von seiner Zeit als vulgärer Immobilienmogul in New York über die Wahlkämpfe bis hin zu seinen Präsidentschaften hat er Frauen als „Pferdegesicht“, „fette Schweine“, „Schlampen“, „ekelhafte Tiere“ beschimpft – und zuletzt als „Schweinchen“, als eine Journalistin ihm eine kritische Frage stellte. US-Soldaten, die im Einsatz gefallen sind, bezeichnete Trump als “Verlierer“ und „Trottel“. Über den Kriegsveteranen und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John McCain, der fünf Jahre in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte, sagte er, er bevorzuge „Menschen, die nicht gefangen genommen wurden“. Journalisten und Medien, deren Berichterstattung ihm missfällt, diffamiert er regelmäßig als „Feinde des Volkes“. „Dinge passieren nun mal“, kommentierte Trump die Ermordung des Washington Post-Journalisten Jamal Khashoggi durch saudische Geheimdienste im Jahr 2018, als er den saudischen Herrscher Mohammed bin Salman jüngst im Weißen Haus empfing, um über künftige Deals mit einem Autokraten seines Geschmacks zu sprechen.

Die Gewohnheit, Frauen, Schwache und politische Gegner zu entmenschlichen, Gewalt zu tolerieren oder gar zu propagieren, ist also seit Trumps Eintritt in die Unterhaltungs- und Politikarena sichtbar. Am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit begnadigte er 1.500 Aufständische, die am 6. Januar 2020 das Kapitol gestürmt hatten, um den Wahlsieg Joe Bidens zu kippen. Ein Präsident, der Schwerverbrecher, Drogenbosse und korrupte Geschäftsleute willkürlich freilässt, untergräbt die moralische Grundlage des Rechtssystems.

Die Akzeptanz von Gewalt als rhetorischem und politischem Mittel hat sich in der MAGA-Bewegung – und darüber hinaus – festgesetzt. Ein aufschlussreiches Beispiel ist die frühere Fox-Moderatorin Megyn Kelly, die vom Opfer zur Fürsprecherin gewalttätiger Rhetorik wurde. Nachdem sie Trump im August 2024 in einem Fox-Interview herausgefordert hatte, reagierte er auf CNN mit einem üblen Spruch, bei ihr komme „Blut aus allen möglichen Öffnungen“. Heute attackiert Kelly als Gastgeberin ihrer eigenen Sendung The Megyn Kelly Show politische Gegner innerhalb und außerhalb der MAGA-Bewegung in ähnlich herabsetzender Weise.

Die Brutalisierung der Sprache ist zum integralen Bestandteil des Geschäftsmodells von Podcastern wie Kelly und offen faschistischen Influencern wie Nick Fuentes geworden – verkauft als Ausdruck von Meinungsfreiheit und „Authentizität“. Angetrieben wird dieses Modell von den US-Tech-Oligarchen, autoritären Charakteren in libertärem Gewand, die versuchen, dieses System grenzenloser, industriell produzierter Polarisierung jetzt auch europäischen Gesellschaften aufzuzwingen.

Die vermeintliche „Authentizität“ ist der Punkt, an dem das Angebot an Gift und Galle aus dem Umfeld Trumps auf eine öffentliche Nachfrage nach einfachen Antworten auf komplexe, lange gährende Probleme trifft. Wenn Hass algorithmisch in die Filterblasen sozialer Medien eingespeist wird, fällt es insbesondere jungen Männern leicht, sich aus gefühlter Kränkung und Diskriminierung zu „befreien“, indem sie Gewalt gegen jene propagieren, die sie für ihre Lage verantwortlich machen – Frauen, Migranten, nicht-weiße Menschen. Früher pöbelten solche Männer die Schwächeren in der Dorfkneipe an. Heute nutzen sie Plattformen wie X, um ihre Vorurteile millionenfach zu verbreiten – und fühlen sich dadurch bestätigt.

Donald Trump ist dabei gleichzeitig Katalysator und Verkörperung dessen, was sich in den vergangenen zehn Jahren im digitalen wie im analogen Raum vollzogen hat: eine erschreckende Akzeptanz von Gewalt, von Handlungen und Grenzüberschreitungen, die zuvor undenkbar waren. Zugleich sind die USA zu einer Gesellschaft mit vielen vereinsamten, selbstbezogenen Bürger geworden – Ressentiment-geladen oder einfach nur abgestumpft.

Der Glaube, eine solche Rückkehr gewalttätiger Rhetorik und autoritärer Praxis sei unmöglich, markiert ein konzeptionelles Versagen des Liberalismus. Es beginnt mit einer Politikwissenschaft, die bis heute „den Trumpismus nicht begreift“, wie Jason Blakely in einem bemerkenswerten Essay in Harper’s schreibt. Die datengetriebenen Theorien der Sozialwissenschaften und Meinungsforschungsinstitute, dem Vertrauen des Liberalismus auf Institutionen verhaftet, konnten – so Blakely – die „dramatische ideologische Mutation von MAGA nach Rechtsaußen nicht erklären: eine hausgemachte Fusion aus Promikult, neoliberaler Bosskultur, christlichem Nationalismus und autokratischen Vorstellungen exekutiver Macht”.

Das Versagen setzte sich fort bei Leitmedien, deren Journalisten glaubten, es reiche aus, Trumps der Lügen zu überführen, um seine Unwürdigkeit offenkundig zu machen. Es wurde ergänzt durch eine Justiz, deren liberale Vertreter die „Unitary Executive Theory“ nur für eine abwegige Auslegung der Verfassung durch einige erzkonservative Richter hielten – statt für einen direkten Pfad in die Autokratie. Und es kulminierte im aufrichtigen, aber naiven Glauben der Demokratischen Partei an einen Wandel durch die richtigen Politikvorschläge. Was Technokraten und professionelle Eliten in den zentralen Institutionen des Landes nicht begreifen wollten war, dass die Männer und die Bewegung hinter Trump bereit waren, mit der ideologischen Welt des Liberalismus mitsamt ihren Regeln und Normen zu brechen.

Der Irrglaube endete bei jenen Wählern, die die Gefahren ihrer Stimmabgabe für Donald Trump mit Ausflüchten kleinredeten: „Trump ist eben Trump“ oder „er sagt das doch nur“. Doch er handelt eben auch danach! Und dennoch würden laut aktuellen Umfragen selbst heute bis zu 40 Prozent der Erwachsenen und 70 Prozent der republikanischen Basis erneut für Donald Trump stimmen – für einen ekelhaften und entgleisten Möchtegern-Autokraten.

Doch wenn schon die liberale Elite das Phänomen Trump und MAGA nicht zu fassen vermochte – wie sollte es dann der Durchschnittswähler in Kansas besser wissen? Während Trumps rechte Basis seine gewalttätigen Abweichungen vom liberalen Regelwerk feiert, gingen viele republikanische Wähler schlicht aus allgemeiner Unzufriedenheit zur Wahlurne, ohne die langfristigen Folgen für die Gesellschaft zu erkennen, in der sie leben. Und manche von ihnen könnten es wieder tun – komme, was wolle.

Diese wachsende Akzeptanz von Gewalt und die Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft sind kein rein amerikanisches Phänomen. Von Chile bis Indonesien gewinnen Anhänger ehemaliger Diktatoren Wahlen. Die einzige Demokratie im Nahen Osten rückt dramatisch nach rechts. Die EU leidet unter einem illiberalen Backlash. MAGA-ähnliche Rechtsparteien stehen in zahlreichen Ländern vor Wahlsiegen und Regierungsbeteiligungen. Und überall treiben soziale Medien diese Entwicklungen voran – wie in den USA. Die Rückkehr rechter, gewaltaffiner Politik ist global.

Und doch ist Donald Trump einzigartig: mit seinen performativen Fähigkeiten als unterhaltsamer Rächer, seiner nahezu vollständigen Dominanz des medialen Raums und seiner Position an der Spitze einer Weltmacht. Mit Trump’s sich andeutendem politischen Niedergang könnte sich das „Inferno des Hasses“ (The Atlantic) sogar noch steigern – und seinen radikalen Anhängern weiteren Freiraum geben, ihre Überlegenheitsgefühle gegenüber jenen Gruppen auszuleben, denen sie ihren gefühlten Statusverlust anlasten.

In diesem Sinne mag Trumps widerwärtiger Kommentar zum Mord an einem liberalen Hollywood-Regisseur nur der nächste Schritt zu einer weiteren Herabsetzung amerikanischer Normen und Werte gewesen sein. Mehr als jede einzelne politische Untat, jede Lüge oder jeder Korruptionsskandal wird diese Entwertung der amerikanischen Demokratie Donald Trumps dauerhaftes Vermächtnis sein.

Frohe Weihnachten – und ein besseres Jahr 2026 für uns alle.

(Bild: Präsident Trump bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus im Februar 2025; Dan Scavino, Public Domain via Wikimedia Commons)

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