Wie Trumps Rohstoff-Imperialismus Amerikas Zukunft schadet
In dem Moment, in dem Donald Trumps Narzissmus neue geopolitische Höhen erreicht, ist es an der Zeit, über den angerichteten Schaden nachzudenken – nicht nur für die ohnehin angeschlagene internationale Ordnung, sondern für die Vereinigten Staaten selbst. Es gilt, den Präsidenten nicht als Garanten, sondern als Saboteur der Zukunft Amerikas zu betrachten und den Blick auf jene Figuren und Einflussmakler zu richten, die unter seiner erratischen, widersprüchlichen und bisweilen brutal ehrlichen Führung gedeihen. Trumps jüngster Anfall eines rückwärtsgewandten Energie-Imperialismus dürfte dem Rest des Westens vor Augen führen, worauf die großspurigen Versprechen und reaktionären Politiken der radikalen Rechten letztlich hinauslaufen: auf eine Schwächung der eigenen Nation im „Great Game“ des globalen Wettbewerbs.
Selbst gemessen an Donald Trumps destruktiven Maßstäben war der Jahresbeginn stürmisch. Er ließ dennie gewählten Diktator Venezuelas entführen und übernahm die Kontrolle über die Ölvorkommen des Landes – ein klarer Bruch des Völkerrechts. Er drohte Kuba, Kolumbien und sogar Grönland mit militärischer Invasion, ungeachtet der NATO-Mitgliedschaft Dänemarks. Und seine Regierung zog sich aus 66 UN- und internationalen Organisationen zurück, viele davon mit dem Ziel einer nachhaltigen Energiepolitik.
Und er verteidigte die Ermordung einer unschuldigen Demonstrantin in Minneapolis durch einen Agenten der Einwanderungspolizei ICE auf Migranten-Jagd. Pech für die dreifache Mutter, die ihren armierten Todesschützen durch das offene Autofenster mit den Worten angesprochen hatte: „Ich bin nicht wütend auf Sie.“ Daraufhin beschimpfte er sie als „fucking bitch“ und erschoss sie ohne selbst bedroht zu sein. So viel zur Eskalation der Gewalt zu Beginn des Jahres 2026 – angestiftet vom Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Dieser emphatische Jahresauftakt versetzte die Welt in Schockstarre und ließ Donald Trump in Triumphlaune zurück, nur begrenzt durch „seine eigene Moral“, wie er vier Reportern der New York Times stolz erklärte – deren unterwürfige Fragestellungen ebenso erschütternd waren wie die Hybris des Präsidenten. „Ich brauche kein internationales Recht“, dozierte Trump. „Ja, es gibt da eine Sache: meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“
Warum Trump mit all dem durchkommt, ist oft beschrieben worden: Eine führungslose, schockierte Demokratische Partei und gefügige Republikaner lassen den US-Kongress als Korrektiv in der Gewaltenteilung ausfallen. Die erzkonservative Mehrheit am Supreme Court neigt dazu, einstweilige Verfügungen und gegenteilige Urteile mutiger Richter niedrigerer Instanzen aufzuheben. Hinzu kommen die zahlreichen Schwachstellen einer unzeitgemäßen amerikanischen Verfassungsordnung, die keine Partei bislang ernsthaft angegangen ist – und die es den US-Präsidenten immer wieder erlaubten, ihre Macht von Amtszeit zu Amtszeit auszubauen, bis Donald Trump kam und einer staunenden Öffentlichkeit zeigte, was sich ein Präsident durch das Beugen oder die Missachtung des Rechts heutzutage alles leisten kann.
Hinzu kommt schließlich die völlige Hilflosigkeit der traditionellen Medien, eindrücklich belegt durch das erwähnte Interview der renommiertesten Zeitung des Landes mit Donald Trump. Traurig anzusehen, dieser Mangel an Kampfgeist in der einst hoch angesehenen liberalen Presse. Dabei müsste längst allen klar sein: Wo Argumente nicht mehr zählen, erfordert der Umgang mit Trump einen Akt des Widerstands, um im heutigen Medienumfeld überhaupt wahrgenommen zu werden.
Realistischer sollte auch der Umgang mit Trumps Verstößen gegen das Völkerrecht werden. Auf dessen Regeln zu pochen, ist ehrenwert – das Ende der internationalen Ordnung zu beklagen, als könne diese morgen zurückkehren, reicht jedoch nicht aus. Denn ein Teil der Gegenreaktion auf die regelbasierte Ordnung ist durch die Heuchelei westlicher Staaten verursacht worden, die diese Regeln nur dann anwandten, wenn es ihnen passte. Heute sind wir deswegen– ob wir wollen oder nicht – wieder bei Einflusssphären angekommen.
Man kann darüber streiten, ob die vorsichtige Einordnung der Entführung Nicolás Maduros durch den deutschen Bundeskanzler als rechtlich „komplex“ taktisch klug oder feige war. Doch handelt es sich hier weniger um einen radikalen Bruch der internationalen Ordnung, als manche Kommentatoren glauben machen wollen, sondern eher um eine Rückkehr zu klassischer amerikanischer Geopolitik in der Region.
Und wenn wir bereits in einer Welt der Einflusssphären leben, erscheint es aus dieser Logik folgerichtig, keine außerhemisphärischen Wettbewerber im eigenen Hinterhof zu dulden – sei es in Venezuela oder in Grönland. Statt „die engsten Verbündeten als ‚Bastarde‘ anzuschreien“, so der Cambridge-Historiker Brendan Simms im New Statesman, „wären London und Brüssel besser beraten, eine europäische Monroe-Doktrin auszurufen, die die demokratischen Teile unseres Kontinents für externe Mächte wie die Russische Föderation oder die Volksrepublik China für tabu erklärt“. Die USA darüber zu belehren, wie sie mit ihrem Hinterhof umgehen sollen, löst Europas Probleme jedenfalls nicht.
In ihrer jährlichen Prognose globaler politischer Risiken für 2026 benennt die Eurasia Group die „politische Revolution in den USA“ als Risiko Nummer eins – dort wo „die Vereinigten Staaten selbst ihre eigene globale Ordnung demontieren“. Nicht der Wettbewerb mit China oder die Spannungen mit Russland stellten demnach die größte Gefahr dar, sondern Amerika selbst – „in einer Zeit großer geopolitischer Unsicherheit“.
Doch welches Risiko stellt Donald Trump für die USA selbst dar? Der Bericht der Eurasia Group argumentiert, dass „The Rule of Don“, einst taktischer Normbruch, sich zu einer „systemischen Transformation“ entwickelt habe – qualitativ anders als alles, was selbst die ehrgeizigsten früheren Präsidenten versucht hätten. Doch wie sieht „Donalds Herrschaft ” zu Beginn des Jahres 2026 in Bezug auf die US-Außenpolitik aus?
An der Spitze steht der 45. Präsident als einzigartige Mischung aus Entertainer, Immobilienmogul, Sonnenkönig, Mafiaboss und vormodernem Patriarchen. Trump ist narzisstisch, unideologisch, leicht zu verärgern oder zu umgarnen. Seine mentale Landkarte besteht aus Grundstücken, die man kaufen, und Ressourcen, die man ausbeuten kann. An seinem wertefreien Hof hat er ein Team aus Idioten, Ideologen und Rächern versammelt, die ihre Tech-Utopien, ihre Angst vor Migranten und ihren persönlichen Groll ausleben dürfen.
Zu seinen derzeit prominentesten Untergebenen zählen der ranghohe Berater Stephen Miller und Außenminister Marco Rubio. Miller zufolge „leben wir in einer Welt, in der wirklichen Welt, …die von Stärke, von Gewalt, von Macht regiert wird. Das sind die eisernen Gesetze der Welt.“ Angesichts dieser “Macht-ist-Recht”-Haltung und seiner abfälligen Äußerungen über Migranten kann man Miller mit Fug und Recht als Rassisten und Faschisten bezeichnen.
Und dann ist da „Little Marco“, wie Trump seinen ehemaligen Rivalen bei den republikanischen Vorwahlen 2016 nannte – heute sein Handlanger für die weltweite Werbung für „America First“ und die Säuberung der westlichen Hemisphäre von fremdem Einfluss. Sohn kubanischer Eltern, die Kuba zwei Jahre vor der Machtergreifung von Fidel Castro im Januar 1959 verließen, ist Rubio bereit, auf dem Weg zu einer eigenen Präsidentschaftskandidatur 2028 jeden Befehl seines Meisters auszuführen. Schweigend erledigt er Aufgaben, die vielem widersprechen, was er früher über die Vorzüge von NATO, UNO und internationalen NGOs gesagt hat; mit großem Eifer dagegen vertritt er in Lateinamerika jene Ziele, die er politisch immers schon propagiert hat – insbesondere den Regimewechsel in Kuba.
Für den Sohn von Exilanten und ehemaligen Senator aus Florida stellt die Anwendung der umbenannten „Donroe-Doktrin“ keinen illegalen Eingriff in souveräne Staaten dar, sondern lediglich eine gerechtfertigte Korrektur der Geschichte und die Rückeroberung verlorenen Eigentums. Letzteres ist ein Versprechen, das bei Teilen der Latino-Bevölkerung in Texas und Florida gut ankommt – und Marco Rubio bei einer künftigen Präsidentschaftskampagne Stimmen bringen könnte.
Während die Motivation des Außenministers für die Rückeroberung von Amerikas Hinterhof offensichtlich und teils persönlich ist, erscheint die ökonomische Logik hinter der Übernahme der venezolanischen Ölreserven weit weniger klar. Diese mögen die größten der Welt sein, sind jedoch schwer zu erschließen, erfordern hohe Investitionen und mindestens fünf Jahre, um die modernisierte Produktion wieder in Gang zu bringen. „Trumps imperialer Venezuela-Irrweg wird Amerika nicht reicher machen“, titelte die Financial Times. Schlimmer noch: Er könnte Amerikas langfristiger wirtschaftlicher Entwicklung schaden.
Die Intervention in Venezuela wirkt wie ein rückwärtsgewandter Imperialismus, der der Logik des heutigen Ölmarkts und den Energieanforderungen künftiger Technologien widerspricht. Da das globale Ölangebot auf absehbare Zeit schneller wächst als die Nachfrage und die Gewinnschwelle für US-Schieferöl bei rund 60 Dollar pro Barrel liegt, würde zusätzliches Öl aus Venezuela dem innenpolitischen Mantra „drill, baby, drill“ der Trump-Regierung zuwiderlaufen. Zudem würde es in Venezuela den “Fluch des Öls” perpetuieren – die eigentliche Ursache der chronischen politischen Instabilität des Landes.
Wie Karthik Sankaran im Online-Magazin Responsible Statecraft zusammenfasst, erscheinen „die ökonomischen Motive hinter der militärischen Intervention in Venezuela widersprüchlich, beruhend auf einem Missverständnis von Amerikas Rolle in den globalen Energiemärkten und blind für ein zentrales politökonomisches Problem Südamerikas – die Rohstoffabhängigkeit des Kontinents“. Wie eine Ironie der Geschichte mutet an, dass die US-Einmischung in Venezuela stark an den von der CIA mitinitiierten Putsch gegen den iranischen Premierminister Mossadegh von 1953 erinnert – den Beginn einer bis heute andauernden Instabilität des Landes, die sich in den aktuellen Unruhen auf Teherans Straßen manifestiert.
Mit ihrem Ölraub setzt die Trump-Regierung auf fossile Energien, während Konkurrenten wie China massiv in erneuerbare investieren, um den enormen Energiehunger einer KI-getriebenen Wirtschaft zu stillen. Wie Bruno Maçães im New Statesman vorrechnet, werden Chinas Rechenzentren dank günstiger und schnell skalierbarer erneuerbarer Energien bis 2030 nur rund vier Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen – gegenüber zwölf Prozent in den USA. Wenn der künftige Energiebedarf von KI-Konzernen mit dem der privaten US-Haushalte konkurriert, könnten steigende Strompreise politische Verwerfungen auslösen.
Zusammengefasst: Es ist das eine, die eigene Einflusssphäre gegen politische Gegner und wirtschaftliche Konkurrenten zu sichern. Es ist etwas ganz anderes, diese Macht klug und effektiv zu nutzen – woran die Trump-Regierung in ihrem nativistischen Eifer und ihrer schieren Inkompetenz aber scheitert. Die jüngsten Auseinandersetzungen in Lateinamerika, Grönland – und bald wohl auch im Iran – mögen auf einen unvermeidlichen Machtkampf zwischen den USA und China hindeuten. Doch Trumps Unfähigkeit, diese Herausforderungen mit den Mitteln einer liberalen Demokratie und der regelbasierten Rationalität eines geopolitischen Realismus anzugehen, dürfte der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit Amerika’s erheblich schaden.
Bleibt zu hoffen, dass die ernüchternden Ergebnisse von Trumps Rohstoff-Imperialismus potenziellen Wählern rechter Parteien in Europa vor Augen führen, wohin großspurige Versprechen und die rückwärts gewandte Politik eines populistischen Projekts am Ende führen: zum Schaden der eigenen Nation in einer instabilen, multipolaren Welt.