Trump, McNamara und der Preis der Loyalität

Die Frage, wie Parlamentarier, hochrangige Beamte und Militärführer reagieren, wenn der Präsident und Oberbefehlshaber fragwürdige, verantwortungslose oder offensichtlich illegale Entscheidungen trifft, sorgte bereits für eine unterschwellige Debatte während der ersten Trump-Amtszeit – als einige der sogenannten „Erwachsenen im Raum“ wie der Nationale Sicherheitsberater H.R. MacManus oder Verteidigungsminister James Mattis ihren Hut nahmen. Zehn Monate nach Beginn der zweiten Trump-Administration ist sie zu einem zentralen Thema der US-Politik geworden, die sich immer schneller in autoritäre Richtung bewegt.

Genau darauf zielten die sechs Kongressmitglieder in ihrem 90-Sekunden-Video: Sie thematisierten die zweifelhafte Rechtmäßigkeit von Trumps Entscheidung, US-Soldaten zur Unterstützung der Einwanderungsbehörde bei der Abschiebung angeblich illegaler Migranten in die amerikanischen Innenstädte zu entsenden; oder seines Befehls, die Boote mutmaßlicher „Narco-Terroristen“ in lateinamerikanischen Gewässern zu bombardieren, ganz ohne Zustimmung des Kongresses und unter Missachtung des War Powers Act. Die Parlamentarier „rufen nicht zum Aufstand“ auf, wie das Weiße Haus behauptet, sondern bekräftigen lediglich geltendes Recht: Militär- und Geheimdienstvertreter „können und müssen illegale Befehle verweigern“.

Doch bislang haben nur wenige hohe Beamte die Rechtmäßigkeit umstrittener Trump-Befehle infrage gestellt. Und abgesehen von einem hochrangigen Militärjuristen (JAG) beim US-Southern Command in Miami, der fragte, ob die 82 Toten bei den Angriffen auf venezolanische und andere Boote als außergerichtliche Tötungen zu werten seien, schweigen die Ausführenden wie Stabschef Dan Caine bislang zu den offensichtlichen Grenzverletzungen des selbsternannten „Kriegsministers“ Peter Hegseth und des Präsidenten.

Für diese hohen Militärs und Regierungsbeamten sollte die neue Biografie über Robert McNamara, Verteidigungsminister unter den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, zur Pflichtlektüre werden. In ihrem Buch “McNamara at War“ (2025) zeichnen die Brüder Philip und William Taubman nach, wie McNamara den Vietnamkrieg für LBJ weiter verteidigte und vorantrieb, obwohl er frühzeitig wusste, dass dieser nicht zu gewinnen war. Sie schildern ausführlich, wie „Bob“ privat zugab, dass die vom Pentagon und dem Weißen Haus um die Mitte der sechziger Jahren verbreiteten Erfolgsmeldungen reine Täuschungen waren – während junge amerikanische Soldaten weiter in den Kampf geschickt wurden.

McNamara war eines der „whiz kids“ von der Harvard Business School, die Ende der fünfziger Jahre den angeschlagenen Ford-Konzern sanierten.1960 war er zu dessen Präsidenten aufgestiegen. Wenige Jahre später holte ihn Präsident John F. Kennedy an die Spitze des Pentagon, wo er in bewährt technokratischer Manier ähnliche „Reformen“ durchsetzte. McNamara war ein Zahlenmensch, akribisch und unerbittlich – heute würde man ihn wohl einen „data guy“ nennen.

Doch er war auch überheblich. Seine Biografen zitieren einen früheren Kollegen: „Selbst wenn du wusstest, dass er falsch lag, überfuhr er dich einfach.“ Und sie beschreiben, wie McNamaras notorische Unfähigkeit, Fehler einzugestehen, zu jener unbeirrbaren Loyalität gegenüber dem Präsidenten führte, die aus diesem Vertreter der „Besten und Klügsten“ letztlich eine tragische Figur der amerikanischen Geschichte machte. Später leitete er die Weltbank, wo er erneut institutionelle Reformen vorantrieb – mit gemischten Ergebnissen.

Als ich Robert McNamara Anfang der 1990er Jahre in Washington D.C. traf, begegnete mir ein Mann, der – so mein Eindruck – bemüht war, für seine früheren Fehler Buße zu tun, indem er Essays über die Gefahr eines Atomkriegs veröffentlichte. Hinter dem Mahagonitisch in seinem Büro neben dem historischen Willard Hotel saß ein gebrochener Mann, der noch immer krampfhaft nach Anerkennung suchte – diesmal als vom Kriegsstrategen zum Apostel der Abrüstung geläuterter Elder Statesman.

Erst 1995, im Alter von 78 Jahren, gestand McNamara im Vorwort seiner Memoiren „In Retrospect“ schließlich ein, dass er mit seiner Kriegstreiberei in Vietnam „falsch, furchtbar falsch“ gelegen habe. Das war mehr, als viele Kritiker und gealterte Anti-Kriegs-Aktivisten von ihm erwartet hatten. Doch in Bezug auf sein Schuldbekenntnis teilen die Biografen meine frühere Einschätzung, dass selbst McNamara’s Suche nach Vergebung selbstgerecht war, „eine rückwärtsgerichteten Kontrolle über das, was ihm entglitten war“. Niemand jedoch attackierte McNamara nach seinem Bekenntnis so heftig wie sein Mit-Sponsor des Vietnam-Kriegs Henry Kissinger: „Heul, heul”. Er schlägt immer noch reumütig an seine Brust.“

Seit dem Ende des Vietnamkriegs hat Amerika zwei weitere Kriege geführt – in Afghanistan und im Irak. Und trotz Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Folter, Skandalen, enormer Hybris und fahrlässiger Unkenntnis der überfallenen Länder haben nur äußerst wenige Mitglieder der US-Regierung oder hochrangige Beamte Fehler eingestanden, Schuld eingestanden oder sonstige Formen der Reue gezeigt. Es ist, als sei das völlige Abstreiten von Verantwortung und das Fehlen jeglicher Demut für die Manager des amerikanischen Imperiums zum vorherrschenden Betriebsmodus geworden.

Das Eingeständnis von Fehlurteilen oder gar von Schuld scheint mit dem politischen System der USA unvereinbar zu sein. Man denke nur an die selbstgefällige Autobiografie von Kamala Harris („107 Days“), in der sie allen anderen die Verantwortung für ihre Wahlniederlage zuschiebt, nur nicht sich selbst. Doch auch in anderen Ländern des von Krisen erschütterten Westens neigen ehemalige Führungspersonen wie Angela Merkel nicht gerade zur Selbstkritik.

Für die heutigen Ja-Sager – und einige Ja-Sagerinnen – gibt es kaum Rollenmodelle, an deren Verhalten sich die die Grenzen übertriebener Loyalität und die Vorteile ein kritischer Umgang mit Befehlen aufzeigen ließen. Was werden Männer wie General Dan Caine, der frühere Mehrheitsführer im Kongress Mitch McConnell oder Außenminister Marco Rubio tun, wenn Donald Trump einen illegalen Befehl zum Bombardement Venezuelas gibt oder eine fatal falsche Entscheidung über das Schicksal der Ukraine fällt? Wie lange werden sie sich der Illusion hingeben, dass man innerhalb des Systems Schlimmeres verhindern könne – statt offen zu widersprechen und zurückzutreten? Und wie lange wird es dauern, bis sie nach ihrem Schweigen bis zum bitteren Ende ihre Fehler eingestehen und sich mit ihrer eigenen Schuld auseinandersetzen?

Wie intelligente Menschen vom Schlage eines Robert McNamara ihr Land in eine solche Katastrophe führen können, bleibt die zentrale Frage, die seine Biografen immer wieder stellen, ohne darauf eine endgültige Antwort zu finden. Alles, was sich aus der Lebensgeschichte McNamaras ablesen lässt, ist, wie hoch der Preis blinder Loyalität sein kann. Zumindest für das eigene Land. 

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